25 Jahre Harry Potter – ein Zauber, den auch Wokeismus nicht verfliegen lässt

25 Jahre ist es nun her, seit J.K. Rowling das erste Abenteuer des weltbekannten Zauberlehrlings veröffentlicht hat. Damals konnte wohl kaum jemand ahnen, das „Harry Potter und der Stein der Weisen“ der Beginn einer beispiellosen literarischen Erfolgsgeschichte sein würde, die weit über die Welt der Bücher hinaus ihre Spuren hinterlässt. Harry Potter ist Popkultur in Reinform und erstreckt sich über alle möglichen Medien und sogar bis in den Bereich des (Pseudo)-Sports in Form von „echten“ Quidditch-Turnieren (sieht man mal davon ab, dass es noch nicht möglich ist, mit einem Besen zu fliegen). Harry Potter hat unzählige Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene wieder zum Lesen animiert und dafür gesorgt, dass ein Buch, das geschriebene Wort, wieder ähnliche Euphorie hervorruft wie die größten Kinoblockbuster. Dabei sah zunächst alles anders aus.

Ein echter Glücksgriff

Eine arbeitslose Lehrerin an der Armutsgrenze verfasst ihr Traummanuskript. 12 Mal wurde Rowling damit abgelehnt. Erst der dreizehnte Versuch hat geklappt. Eine Traumgeschichte. Wer ein bisschen Einblick in das Verlagswesen hat, der weiß, dass das tatsächlich traumhaft ist. Tag für Tag trudeln zig Manuskripte ein, mit denen sich der Lektor herumschlagen muss und hinter jeder Einsendung steckt eine Biografie. Ich bin ja selbst gerade noch auf Verlagssuche für meinen ersten Roman und schreibe parallel dazu am zweiten Werk. Und ich habe jetzt schon einige Absagen mehr. Und ich habe auch einen gewissen Einblick in das Verlagswesen, um zu sagen, dass 12 Absagen nicht viel sind. Klar. Jede Zusage ist ein Glücksgriff und die Verlage, die das Harry Potter Manuskript nicht angenommen haben, werden sich bis heute ärgern. Rowling hat aber nicht nur gejammert, dass andere erfolgreicher sind, sondern einfach ihre Idee umgesetzt. Und es hat gewirkt. Angeblich wollte sich nicht mal der Chef des Bloomsbury-Verlags, bei dem das Erstlingswerk unterkam, sich mit dem Text abgeben. So gab er die Leseprobe an seine Tochter ab, die davon ganz begeistert war und damit der Grund für die Annahme.

Ob das wirklich so geschehen war? Eine ähnliche Geschichte gibt es ja über Stephen King, der das Manuskript für „Carrie“ bereits in den Müll geworfen hatte, welches dann von seiner Frau wieder hervorgeholt wurde (auch King befand sich in einer prekären Situation). Natürlich kann das nur eine Story sein, die für das Marketing aufbereitet wurde. Aber egal, ob hier etwas aufgehübscht wurde: Es ändert nichts daran, dass Harry Potter ein Glücksgriff für die Autorin und dem Verlag war und für den Leser. Die Erstauflage umfasste 500 Exemplare. Hängt man an die 500 eine Million dran, ergeben sich die Verkaufszahlen der Harry Potter Serie in allen 80 Übersetzungen bis heute.

Später Leser

Ich erinnere mich nur grob an die ersten Veröffentlichungen. Ich habe den Hype anfangs gar nicht mal so mitgenommen. Ich war acht Jahre alt und habe die Bücher völlig ignoriert bis zu einem Zeitpunkt, an dem mir meine Eltern dann den vierten Band (Harry Potter und der Feuerkelch) geschenkt haben. Natürlich habe ich in Ermangelung von Kenntnissen über die bisherige Handlung gar nichts kapiert. Doch mein Interesse war geweckt. Und so begann ich, die Reihe zu lesen und fieberte seitdem ebenso jedem weiteren Band und auch jedem neuen Film entgegen. Mittlerweile ließ meine Begeisterung für den neuen Stoff in Form der Tierwesen-Filme etwas nach, was aber eher dem geschuldet war, dass diese Reihe nur ein müder Nachklapp ist, der mit Rowlings fantastischer Welt noch etwas Kasse machen wollte und sich dabei leider in unlogischen und ziellosen Handlungssträngen verstrickt. Die originale Buchreihe hingegen konnte ich auch als Erwachsener noch gut lesen, auch wenn das letzte Mal jetzt schon etwas länger her ist. Jetzt möchte ich die Bücher jedoch nicht durch die nostalgische Brille als perfekt verklären. Denn das sind sie meiner Meinung nach nicht einmal.

Gehört J.K. Rowling zu den ganz großen Autoren?

Auch wenn die Erfolgsautorin es geschafft hat, ihre Welt im Vergleich zu den ersten beiden noch relativ simpel gehaltenen Büchern immer weiter auszubauen und sich von der Komplexität der Handlung sowie dem Grundtenor von der reinen Kinder- und Jugendliteratur zu emanzipieren, so waren die Ursprünge der Reihe, so düster sie in den späteren Bänden auch wurde, immer präsent. Es wurde viel mit klassischen, geradezu klischeehaften Stereotypen gearbeitet, die Struktur folge teilweise doch altbekannten Märchenmotiven und auch die Darstellung der Zauberwelt, aber auch die Welt der Muggel wirkte teilweise so, als hätte man so alles an Motiven von Charles Dickens hergenommen, die sich haben auftreiben lassen. Aber gerade das ist es ja, was Harry Potter darstellt: ein modernes Märchen. Sicherlich: Es gibt geschliffenere und detaillierter ausgearbeitete Fantasy-Welten – mit der minutiösen Besessenheit eines Tolkiens kann sich Rowling nicht messen. Und wenn man ins Detail geht, ergeben sich garantiert so einige Fragen über die innere Logik dieser Welt. Aber es ist die ungebändigte Fantasie, die in Rowlings Welt auf ganz reale Jugendprobleme trifft, die den Reiz ausmacht. Ein bisschen Fantasy, etwas Jugendstory, Krimi-Elemente und leichte Horror-Anleihen – die Abenteuer des bekannten Zauberlehrlings sind ein wilder Mix aus verschiedenen Genres. Nichts Neues an sich, aber in dieser Zusammensetzung einfach reizvoll, vor allem da eben die Grenzen von Jugendliteratur zur erwachsenen Fantasieliteratur durchaus schnell verschwammen.

Sprachlich ist Rowlings Stil im literarischen Establishment umstritten, vor allem wegen der exzessiven Verwendung von Adverbien, was mich persönlich aber nie gestört hat. Vielleicht war es auch der deskriptive Ansatz, der Metaphern und andere bildsprachliche Elemente nur sparsam zum Einsatz brachte, diese dafür umso pointierter, der Anlass zur Kritik aus dem konservativen Feuilleton heraus gab. Allerdings ist der Schreibstil dadurch klar und ohne Verschwurbelungen. Mag es Autoren geben, die sprachlich filigraner sind, für das, was Harry Potters Schöpferin zu Papier brachte, entspricht die Sprache dem, was angemessen ist.

Was meiner Ansicht nach jedoch die größte Stärke Rowlings ist, ist der Umgang mit den einzelnen Figuren bis in die Nebenriege hinein. In der Art und Weise, wie wichtige und weniger relevante Figuren dargestellt werden und wie sie ihre Dialoge führen hat die Autorin ein ausgeprägtes Gespür für Authentizität. Somit kann sich der Leser gut in die einzelnen Charaktere hineinfühlen. Den Höhepunkt (der paradoxerweise auch zu ein paar schwächeren Abschnitten führte), fand das Talent der Autorin im 5. Band (Harry Potter und der Orden des Phönix). Im längsten Band nahm sich die englische Schriftstellerin sehr viel Zeit, um die Beziehungen innerhalb der verschiedenen Figurenkonstellationen zu entwickeln und schaffte somit einerseits ein Abenteuer mit einer Menge Charaktermomente, driftete aber zuweilen in ein paar Belanglosigkeiten ab und machte Harry Potter teilweise zu einer klassischen Jugendstory mit allerlei Liebestechtelmechtel. Muss man nicht mögen, aber es zeigt doch, dass Rowling gerade bei der Charakterisierung mit viel Liebe fürs Detail gearbeitet hat.

Würde ich im Gesamten sagen, dass J.K. Rowling eine gute Autorin ist? Ja, das würde ich. Sie ist vielleicht nicht die Speerspitze der Sprachgewandtheit und hat nicht den ausgefeiltesten Kosmos hervorgebracht, aber sie versteht ihr Handwerk durchaus und hat eine literarische Stärke, die sie konsequent ausspielt. Und wie immer man auch zu ihrem großen Werk steht: Sie verbuchte einen beispiellosen Erfolg und hat Kinder und Erwachsene weltweit gleichermaßen wieder zum Lesen gebracht. Ihr Verdienst für die moderne Literatur ist diesbezüglich unbestreitbar.

Kontroversen waren immer mit dabei

In den letzten Jahren machte Rowling immer wieder durch Kontroversen auf sich aufmerksam. Oder sagen wir eher: Es handelte sich um künstliche Kontroversen, die von wohlstandsverwahrlosten Verirrten konstruiert wurden, um ihre Intoleranz im Gewand der Gerechtigkeit zu kleiden. Mit dem Vorwurf der Transfeindlichkeit wurden immer wieder neue Attacken auf die Schriftstellerin gestartet, was sich bis hin zu Morddrohungen und Bücherverbrennungen hin zuspitzte. So nebenbei hieß es noch, dass die Autorin gegen ihre eigene Botschaft verstoßen hat. Das ist natürlich nur ein Hirngespinst derer, die die Aussage künstlerischer Werke gerne so verdrehen, dass sie ihrer Ideologie dienlich sind. In der Tat: Der Haupthandlungsstrang der Harry Potter Bücher rund um den Kampf gegen Lord Voldemort ließ sich durchaus als Plädoyer gegen Fanatismus und Hass verstehen. Gleichzeitig ist es die Liebe, die zentrales Element ist und die der Hauptfigur die Kraft gab, gegen die finstere Macht des Antagonisten zu bestehen. Aber wie kommt man bitte dazu, Rowling aufgrund ihrer Tweets und Aussagen quasi zum Todesser zu erklären, der Hass und Fanatismus verbreitet und die Kraft der Liebe verneint? Entgegen der Anhängerschaft des großen Bösewichts hat diese Frau niemandem das Lebensrecht abgesprochen. Sie hat sich immer dafür ausgesprochen, dass jeder so leben darf, wie er möchte. Sie hat schlicht biologische Realitäten und Probleme genannt. Ein Problem war das der Verlegung von verurteilten Transfrauen in ein Frauengefängnis. Es bestehen längst Statistiken, die belegen, dass es immer wieder zu Übergriffen in entsprechenden Haftanstalten kam. Und dass Transfrauen eben noch immer einen körperlichen Vorteil gegenüber Frauen haben, zeigt sich aktuell im Schwimmsport. Warum sollte es nun ein Sakrileg sein, dies anzusprechen? Weder hieß es jemals, dass Transfrauen allesamt übergriffig sind noch dass sie sich gemäß ihres Selbstverständnisses als Frau fühlen dürfen. Aber die Biologie darf man nicht ignorieren, wenn es um die Sicherheit von Frauen geht. Wenn die Ideologie solche wichtigen Debatten jedoch unterdrückt, dann darf man Teilen der Transbewegung durchaus latente Frauenfeindlichkeit unterstellen – zumindest nimmt man aber das Leid anderer in Kauf, nur damit die eigenen Gefühle geschont bleiben.

Wer wirklich wie Todesser agieren, sind jene biestigen Aktivisten, die tatsächlich die Grundrechte einer Autorin verletzen durch Morddrohungen und echten, persönlichen Beleidigungen, nur weil sie ihr Ego verletzt sehen. Mit diesem Mindset unterscheiden sie sich nicht wirklich von jenen christlichen Fundamentalisten, die Harry Potter wegen Verherrlichung von Satanismus und Hexenzauber aus den Schulen verbannt haben und ebenfalls dem Feuer übergeben wollten. In beiden Bewegungen lebt jener reaktionäre Geist, der theoretisch durch die Aufklärung vertrieben sein sollte, aber doch noch in Menschen weiterlebt, die ihre ganze Existenz darauf ausrichten, die Gesellschaft in archaische Zeiten zurück zu kapitulieren.

Es braucht noch mehr Mut, sich seinen Freunden entgegen zu stellen

Diesen Satz lässt Hogwarts Schulleiter Dumbledore sinngemäß am Ende des Erstlingswerkes fallen, nachdem er damit begonnen hat, zu betonen, dass es Mut bedarf, sich seinen Feinden zu stellen. Diesen Satz empfinde ich noch immer sehr stark angesichts des aktuellen gesellschaftlichen Zustands, in dem der Diskurs zunehmend durch ein Freund-Feind-Schema geprägt wird und Ideologen jeden als Feind brandmarken, der sich ihnen argumentativ entgegenstellt. Freundschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man sich gegenseitig ständig den Bauch pinselt. Sie erhält ihren Wert gerade doch dadurch, dass man sich durchaus in bestimmten Fragen antipodisch zueinander begegnen kann, um doch wieder zusammenzufinden. Dieses Prinzip können wir auch auf den freien Diskurs in einer liberalen Gesellschaft transferieren. So kann Rowling durchaus Transmenschen wohlwollend gegenüberstehen in dem Sinne, dass sie ihnen ihr Leben lässt, aber dennoch den identitätspolitischen Transaktivismus attackieren. Nicht alles, das mit scharfen Worten geäußert wird, ist eine Feindseligkeit, auch wenn das einige überempfindliche Gemüter so sehen mögen.

Der Zauber lebt weiter

Aber zum Glück: Trotz aller Bemühungen religiöser und woker Eiferer sind die Abenteuer des Zauberlehrlings Teil moderner Popkultur geworden und werden ihren Platz nicht mehr räumen. Offenbar haben ja einige Gegner Rowlings dennoch immer noch Spaß an ihrer Welt. So nennen sich aktuell verschiedene Quidditch-Ligen aufgrund der angeblich transphoben Äußerungen um. Quadball soll der Möchtegernsport nun heißen, um sich von der Bestsellerautorin zu emanzipieren. Die Namensänderung schafft aber auch hier nicht die Realität ab: Alle Teilnehmer an diesen Turnieren haben Spaß mit etwas, das eine Person geschaffen hat, die ihnen nun plötzlich verhasst ist. Ich bin sicher, dass unter dem dichten Nebel der Selbstgerechtigkeit noch kleine Lichter schlummern, die all die positiven Erinnerungen bewahren, die diese Menschen mit Harry Potter verbinden. Warum sollten sie sich denn sonst noch mit dieser Welt abgeben? Vielleicht sind diese Leute ja alle kleine Draco Malfoys, die von Ideologie und Indoktrination geblendet sind, aber doch noch das Potenzial haben, sich aus diesem religionsgleichen Klammergriff zu befreien, der ihnen ein schlechtes Gewissen einreden möchte, nur weil eine Autorin mit einer eigenen Meinung etwas Schönes erschaffen hat.

2 Kommentare zu „25 Jahre Harry Potter – ein Zauber, den auch Wokeismus nicht verfliegen lässt

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: