Plädoyer für den Elitarismus

Elite – was steckt dahinter? Abgeleitet vom lateinische „eligere“, was so viel wie „auslesen“ bedeutet, hat sich dieser Begriff im Laufe der Jahrhunderte stetig gewandelt. Im 17. Jahrhundert ursprünglich als Bezeichnung für besonders kostspielige Waren entstanden, stand es zur Zeit der Industrialisierung für die Abgrenzung der gehobenen Schichten, des Bürgertums, von der großen Masse, der die Ungebildeten und die Abhängigen angehörten. Auch im militärischen Sprachgebrauch hielt die Elite Einzug (Elitekämpfer, Eliteeinheit). Heute ist der Terminus praktisch omnipräsent. Er wird vor allem für die Leitungselite, sprich Sporteliten oder Kultureliten und Ähnlichem genutzt. Auch in der Soziologie sind Eliten nach wie relevante Objekte zur Beschreibung sozialer Vorgänge. Die Konfliktsoziologie basiert darauf, wobei Elite im Kontext sozialer Konflikte durchaus gerne populistisch genutzt wird, um einen Antagonismus zweiter Parteien zu konstruieren. Hier kommt die sogenannte Machtelite ins Spiel. Die Disziplin des Strukturfunktionalismus hingegen befasst sich eher wertfrei mit der Bezeichnung des Elitären. Dabei besteht eigentlich kein Grund, die Machtelite von jeglicher anderen Eliteform zu trennen – letztendlich ist sie nur eine Ausprägung eines Konzepts, das für die liberale Gesellschaft notwendig ist.

Die großen Fehler von Karl Marx

Das Streben nach einer egalitären Gesellschaft hat sich ungebrochen als das Herz der politischen Linken etabliert, von dem aus zwei Schlagadern verlaufen: Einerseits ist es die Ergebnisgleichheit, die insbesondere die Anhänger von Karl Marx forcieren, anderseits gibt es jene linke Bewegungen, die Egalitarismus auf der Chancengleichheit von Menschen begründen. Ersteres stellt in letzter Konsequenz umgesetzt nichts anders als die Umsetzung der kommunistischen, klassenlosen Gesellschaft dar, was mit all den Problemen einhergeht, die bei jedem vergangenen Versuch, den Kommunismus zu etablieren, aufgetreten sind. Letztendlich scheitert dieses Konzept grundlegend an der wirtschaftlichen Realität sowie an der menschlichen Natur. Der Mensch strebt nach mehr als seinen Grundbedürfnissen. Die Bedürfnispyramide von Maslow lernt jeder im BWL-Student im ersten Semester kennen. Die Selbstverwirklichung über die Basisbedürfnisse hinaus ist von Marx jedoch nicht vorgesehen oder zumindest nur in dem Rahmen, wie es die Umverteilung der Ressourcen zulässt. Alles was darüber hinausgeht wird als ein Akt der Ausbeutung bezeichnet, der zulasten anderer geht. Natürlich ist echte Selbstverwirklichung hinsichtlich des Verwirklichungsgedankens und der Emotion, die ein Mensch dabei spürt, keine materielle Angelegenheit. Doch ist die Nutzung von Materialien die Voraussetzung, um sich Dingen zuzuwenden, die dazu beitragen, nach seiner individuellen Aspiration zu leben. Das ist auch ein Standpunkt, den Ludwig von Mises, Vertreter der österreichischen liberalen Schule der Nationalökonomie, vertritt. Der Kapitalismus kann keinen Sinn im Leben stiften. Aber er bietet einen funktionierenden wirtschaftlichen Rahmen, der es jedem ermöglicht, an jene physische Ressourcen zu gelangen, die er nutzen kann, um seinen Werdegang zu verfolgen.

Ein zweiter großer Fehler, den Marx machte und weshalb seine Theorien von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren: Sein Irrtum von der Nullsumme. Dieser besagt, dass, wo immer jemand an erhöhtes Vermögen gelangt, es einer anderen Person schlechter geht. Einen Nachweis für diese These gab es nie. Letztendlich schürten Marxs Theorien eine Reihe von Ressentiments und führten in jeder Gesellschaft, die versuchte, dies umzusetzen, zu weiteren Antagonismen, gerade weil man den Menschen einredete, jemand würde sie ausrauben, während der Staat gleichzeitig, angefeuert vom Proletariat, tatsächlich Menschen ausplünderte. Jeder Eingriff in die Selbstverwirklichung des Menschen sowohl in geistiger als auch materieller Natur, kann nur zum Versagen prädestiniert sein.

Umverteilung zugunsten von Ergebnisgleichheit hat also noch nie funktioniert und ich sehe nach wie vor keine Voraussetzungen, die deren Gelingen überhaupt ermöglicht. Eher müssen wir uns auf die Chancengleichheit fokussieren, wenn es darum geht, über den Gerechtigkeitsbegriff in Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung zu eruieren.

Die Grenzen der Chancengleichheit an der Natur

Selbst die Gleichheit hinsichtlich der Chancen, die sich einem Individuum in einem Gesellschaftskonstrukt eröffnen, können staatlich nur begrenzt garantiert werden. Denn auch wenn die Verfechter der absoluten Gleichheit unter den Menschen noch so oft darauf bestehen – physische und intellektuelle Merkmale trennen die Menschen voneinander. Ich bin zwar überzeugt davon, dass jeder Mensch über ein Talent verfügt und dass dessen Entwicklung in den meisten Fällen nur an mangelhafter Förderung scheitert, doch passiert es allzu häufig, dass der Wunsch nach einem Werdegang von der eigenen Begabung divergiert und sich Individuen für einen Weg entscheiden, für den sie aufgrund ihrer charakterlichen, geistigen und körperlichen Charakteristika nicht geschaffen sind. Kalendersprüche ala „Du kannst alles werden, wenn du nur willst“, erzeugen eine Illusion, die im besten Fall für einige persönliche Enttäuschungen sorgt, im schlimmsten Fall jedoch eine Gesellschaft an die Wand fahren kann. Das interessiert jedoch jene halbambitionierte Hasardeure nicht, die Gerechtigkeit zur losen Hülse deklariert und es sich als Weltsamariter in ihrer möchtegernaltruistisch-solipsistischen Lebenswelt bequem gemacht haben im Glauben, ihr eigenes Verständnis von der Welt formt diese nach ihrem Belieben. Das sind diese Nebochanten, die da fordern, dass Hochbegabte keine gesonderte Förderung brauchen und den schulischen Nebeneffekt der Sozialisierung über den schulischen Haupteffekt der Bildung an sich stellen, die die glauben, dass grenzenlose Inklusion keine Beeinträchtigung auf das Lernklima in einer Klasse ausübt.

Alles soll in einer grauen Masse untergehen, aus der niemand mehr heraussticht. Die gleichen Menschen begnügen sich nicht damit, dass ein Studium unabhängig vom sozialen Status möglich sein sollte, sondern visieren es darüber hinaus noch an, dass die intellektuelle Kapazität als Faktor für die Hochschulbefähigung unerheblich wird. Das Resultat dieser Bestrebung erleben wir im Mangel an Fachkräften für das Handwerk und erkennen wir darüber hinaus an künftigen Akademiker-Darstellern, die den Universitätsbetrieb als Kaderschmiede verstehen für alldiejenigen, die den gleichen Safe-Space teilen, dessen Grenzen gleichzeitig die Grenzen des im Diskurs tolerierbaren markieren. Dabei handelt es sich um Studenten, die sich mehr auf Demonstrationen gegen unliebsame Professoren konzentrieren anstatt auf die Lehrinhalte und darauf, was die Kernkompetenz eines jeden Akademikers und Intellektuellen sein sollte: das Verständnis vom freien Diskurs. Die Schwemme an Studenten, die die Hochschulen und Universitäten stürmen erachte ich mit als den entscheidenden Faktor für die Hyperinflation des Moralismus, der in den akademischen Institutionen um sich greift, da zu viele Individuen eine Studienberechtigung haben, die mangelndes Verständnis vom Ziel eines Studiums mit möglichst viel Haltung ausgleichen. Es spricht nichts dagegen, finanziell schlechter gestellte Studenten, die eine echte Eignung mitbringen, durch Förderungen unter die Arme zu greifen. Doch davor muss ordentlich ausgesiebt werden. Die Anforderungen müssen bereits im Abitur wieder so hoch angesetzt sein, dass Nichtbestehen keine Ausnahme ist. Das Studium muss klar wieder einer Elite vorbehalten sein, keiner Elite, die sich durch Geld auszeichnet, aber eine, die ihren Status aufgrund ihres überlegenen Intellekts einnimmt. Nur so kann die Proletarisierung des Akademikertums gestoppt oder zumindest eingegrenzt werden.

Der egalitäre Liberalismus

Der amerikanische Philosoph John Rawls prägte in seinem Werk „A Theory of Justice“ den Begriff des egalitären Liberalismus, eine verzerrte Version des Liberalismus, die Umverteilung zum Zwecke der Behebung von sozialen Ungerechtigkeiten legitimiert. Freiheit gilt nach dieser Philosophie nicht als Mittel, sondern als Zweck zur Herstellung von Gerechtigkeit, was das Problem mit sich bringt, das Freiheit eben auch eingeschränkt werden kann, wenn ein Zustand als ungerecht betrachtet wird. Damit positionieren sich Rawls und andere Vertreter der Gerechtigkeitsideologie irgendwo zwischen Liberalismus und Interventionismus, was letztendlich weder Fisch noch Fleisch ergibt. Dennoch möchte ich eine These Rawls hervorheben, mit der ich mich durchaus anfreunden kann. So schreibt er, dass eine Gesellschaft, in der es ein großes soziale Gefälle gibt, immer noch besser ist als eine mit einem geringeren unter der Prämisse, dass es den am schlechtesten gestellten besser geht als den am schlechtesten gestellten in der Gesellschaft mit dem geringeren Sozialunterschieden. Das heißt: Selbst wenn das maximale Vermögen auf einen unvorstellbaren Wert steigen würde, gäbe es daran nichts auszusetzen, wenn gleichzeitig noch die untersten sozialen Schichten ein besseres Leben führen als in einer anderen Gesellschaftsform. Und gerade dies schafft ein elitär gegliederter Kapitalismus im Gegensatz zum Sozialismus oder gar Kommunismus.

Das heißt nicht, dass es keine sozialen Probleme geben kann. Diese sind aber nicht auf Basis des Nullsummenirrtums zu beheben und mit der Enteignungs-Methodik. Nur weil Spitzenverdiener noch höhere Summen an den Staat entrichten müssen, heißt dies nicht, dass dies dem Adressaten tatsächlich zugutekommt. Die entsprechenden Einnahmen lassen sich nachvollziehbar nur dem Sozialsystem zuführen. Doch wenn dieses zu aufgebläht ist, verleitet es zu sehr, sich freiwillig in Abhängigkeit vom Staat zu begeben. Im Gesamten frage ich mich durchaus, wo das Problem an sich ist, wenn die Reichen immer reicher werden. Die Frage sollte eher sein, warum die Armen immer ärmer werden. Und hier kann der Staat mit Maßnahmen ansetzen, ohne Ressentiments gegen höhere Vermögen zu schüren.

Warum also Eliten in einer Gesellschaft?

Um es deutlich zu sagen: Eliten gehören zum menschlichen Zusammenleben. Es gibt immer Menschen, die distinktiv von der Masse über besondere Befähigungen verfügen. Dies sind die intellektuellen Eliten und die Leistungseliten. Diese gehören nicht in egalitärer Manier eingeschränkt, sondern gefördert. Eine wesentliches Element eines liberalen Staates ist das meritokratische Prinzip. Diese beschreibt eine Bevölkerungsschicht, die aufgrund Leistungen und Verdienste einen gewissen sozialen Status einnehmen. Zu diesen sind beispielsweise Sportikonen zu zählen, renommierte Wissenschaftler, prägende Künstler oder Unternehmer. Das Wesen der Meritokratie ist es, das die Menschen dazu anspornt, mehr zu wollen als andere. Und gemäß liberaler Denkweise – John Stuart Mill sah es so – sollten überdurchschnittlich begabte Menschen sich frei entfalten können. Sie nicht bei ihrem Weg zu hemmen bedeutet, den Nährboden für neue Errungenschaften anzulegen. Damit sich diese Leistungseliten jedoch verwirklichen und leistungsgerecht arbeiten können, ist es oftmals notwendig, sie in einer von der Restgesellschaft abgekoppelten Lebenswelt agieren zu lassen. Manch einer mag da vom Elfenbeinturm sprechen. Grade im Bereich der Wissenschaft, um hierfür ein Beispiel zu nennen, wenn es um Themen geht, die für die Mehrheit eher unverständlich sind, ergibt sich diese wünschenswerte geistige Parallelgesellschaft. Jeder etwa kann heutzutage lernen, was die Relativitätstheorie aussagt, doch nur die wenigsten könnten sie herleiten. Die Mehrheit muss es so hinnehmen, wie es ist. Die Mehrheit der Bevölkerung wird schlicht nicht diesen Intelligenzgrad erreichen, mit dem sie gleichberechtigt an solchen Forschungsarbeiten mitwirken kann. Und die Mehrheit wird auch über keine besonderen künstlerischen Fähigkeiten verfügen, die jedoch für gewöhnlich prestigeträchtig für ein Land sein sollten. Und die Mehrheit wird keine Unternehmen aufbauen, die nicht nur tragende Säulen der Wirtschaft darstellen, sondern untrennbar in der Gesellschaftsorganisation eingearbeitet sind.

Das Entstehen von Eliten ist die logische Folge gewöhnlicher Prozesse innerhalb einer Gesellschaft und übernimmt eine essentielle Aufgabe – nämlich die, dass jeder sich selbst dazu anhält, zumindest zu versuchen, das Maximale für sich im Leben herauszuholen, wodurch der gesellschaftliche Beitrag sich als Nebeneffekt ergibt.. Es besteht daher kein Grund, Eliten grundsätzlich als etwas Schlechtes zu betrachten, auch politische Eliten nicht. Denn die Politik ist elitär. Machteliten sind die Konsequenz, die sich ergeben, wenn wir die Anarchie verneinen. Wer das nicht so sieht, der solle sich einmal in seinem Umfeld umsehen und die Frage stellen, wie vielen Personen er tatsächlich gemäß ihrer intellektuellen Kapazitäten eine Machtposition überlassen würde. Und ja: Es gibt sie, die abgehobenen Eliten. Jene, die nicht nur ihren Elfenbeinturm leben mit der Option, doch den einen oder anderen Blick hinaus zu werfen, sondern sich hermetisch darin abgeriegelt haben. Hieraus entstehen überelitäre Prozesse, die sich vollkommen von der Restgesellschaft entkoppelt haben. Eine entsprechende Entwicklung durchläuft aktuell die Europäische Union. Und natürlich gibt es Politiker oder auch Unternehmer, die es in Spitzenpositionen schaffen ohne dass sie eine entsprechende Qualifikation für ihre Aufgabe aufweisen. Es lässt sich nicht verleugnen, dass entsprechende Ametrien existieren. Pauschale Lösungen lassen sich zur Behebung diese Missstände nicht finden. Fragen solcher Komplexität müssen im Einzelnen erörtert werden. Doch die Gefahr, dass es zu einem Machtmissbrauch von Eliten kommt, ist immer gegeben, auch in Gesellschaften, die sich als egalitär betrachten. Auch hier legt die Geschichte Zeugnis ab. Dies berücksichtigend erscheint es vorteilhafter, Elitenbildung zu fördern, welche auch die Eliten umfasst, die verantwortungsvoll mit ihrer Position umgehen. Denn der Mensch strebt im Kern danach, einer Elite anzugehören. Nur schaffen es die wenigsten. Und diejenigen, denen Hoffnungen und Träume versagt werden, sind allzu anfällig für das Ressentiment, das von Verfechtern des Egalitarismus immer dann geschürt wird, wo der Ruf nach einem starken, übergriffigen Staat am lautesten tönt. Doch Neid und Missgunst sollten nicht in den Rang einer Tugend erhoben werden, wen wir das Leistungsprinzip nicht eliminieren möchten.

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