Anmaßung

Da kommt sie, meine liebste Laura. Lange habe ich auf sie gewartet. Es ist sehr spät und sehr dunkel. Der Mond ist gefangen in einer Zelle schwarzer Wolken und kaum ein Schein dringt durch sie hindurch. Ich mache mir immer sorgen, wenn sie in der Finsternis heimkehrt und dann noch zu Fuß. Die heutigen Zeiten sind viel zu gefährlich für eine Frau, um alleine zu solch einer Stunde in der Stadt zu spazieren – vor allem dann noch in diesem Viertel, in dem manche Straßen ähnlich beruhigt sind wie auf dem abgelegenen Land. Aber Laura war schon immer eine unerschrockene Frau. Vielleicht mache ich mir auch zu viel Sorgen. Abgesehen davon betrübt es mich, zu sehen, wie viel sie arbeiten muss in ihrem neuen Job in einer Werbeagentur. Die Stelle hat sie kürzlich angenommen. Seitdem ist es an der Tagesordnung, dass sie nichts mehr vom Tag hat. Ist sie glücklich mit der Situation? Wie gerne möchte ich ihr diese Frage stellen. Aber ist nicht möglich. Wie jede Nacht zuvor erwarte ich ihre Ankunft und lauerte an dem Ort, wo ich mich stets verberge. Ich sehe sie das Haus betreten.
Einen liebevollen Gruß möchte ich ihr hinterherrufen und noch vieles mehr, doch der einzige Laut, der ihr Ohr erreicht, ist der Heulen des Windes. Ich kann durch das Wohnzimmerfenster beobachten, wie sie sich ihrer Jacke entledigt und ihre Arbeitssachen verstaut. Dann schenkt sie sich einen Wein ein und wirft sich aufs Sofa. Sie sieht bezaubernd aus. Ihr lockiges, haselnussbraunes Haar sitzt auch nach einem langen Arbeitstag noch perfekt. Ein Traum von einer Frau, für die sich jeder Mann nur glücklich schätzen kann. So wie dieser Mann, der zu ihr ins Wohnzimmer kommt. Er gibt ihr einen Kuss, legt sich zu ihr auf die Couch und nimmt sie in seinen Arm. Wie zufrieden die beiden aussehen, als sie sich so aneinanderschmiegen, Leib an Leib. Ich kann meinen Kummer anfangs noch untertrügen, doch die Barriere ist schwach und meine Emotionen brechen durch. Trauer, Wut, Verlangen – auf meiner Gefühlsklaviatur spielt sich eine Symphonie ab, die dissonanter kaum sein kann. Chaos wütet in mir. Ich kann es nicht ertragen, die beiden so glücklich zu sehen. Ich sollte es sein, der mit ihr beisammen liegt. Ich sollte es sein, der ihr über ihre zarte Haut streichelt und sie mit seinen Lippen liebkost. Stattdessen ist dort dieser…Kerl bei ihr.
Und das schlimmste ist: Er scheint sie tatsächlich glücklich zu machen. Wieder und immer wieder habe ich die beiden beobachtet und erlebt, wie freudig sie ihre Zeit miteinander verbringen. Einmal gelang es mir, direkt in Lauras azurblauen Augen zu blicken, die schimmern wie die karibische See. Der Glanz in ihnen, die pure Euphorie. Und diese Freude erlebt sie nicht mit mir. Ich möchte am liebsten meine Frustration darüber in den Himmel schreien, sodass mich jeder hört. Aber es geht nicht. Es bleibt mir nur, in den Schatten zu kauern und das Geschehen wie einen Film zu betrachten – der grausamste Film aller Zeiten, der sich bis ins innerste nagt und den kein Regisseur bewerkstelligen könnte.
Die Zeit vergeht. Schließlich erheben sich die beiden Verliebten. Sie verlassen den Raum. Das Licht erlischt. Kurz darauf leuchtet es aus dem Badezimmer. Laura tritt ein. Ich begebe mich auf erhöhte Position, um sie besser zu sehen. Sie zieht sich ihr liebstes Nachtkleid an. Für einen Moment gelingt es mir dabei, einmal mehr einen Blick auf ihren baren Körper zu werfen. So filigran, so geschmeidig. Ich kann mir seine Wärme fast vorstellen und möchte mich sofort an ihn kuscheln. Laura ist nicht nur eine intelligente und herzensgute Frau, sie ist auch so unglaublich schön, mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung gesegnet, die nur wenigen Frauen zuteilwird. Ein Diamant unter Kohle. Und dieser Edelstein befindet sich in der Hand eines Bauern, der mit dem Schmuckstück nur protzen möchte, ohne es wahrhaftig zu schätzen. Der Trampel folgt Laura ins Bad, schleicht sich heran und umarmt sie von hinten, gibt ihr einen weiteren Kuss, der leidenschaftlich wirkt. Aber ich weiß, dass er diese wunderbare Frau nicht mit der gebührenden Leidenschaft verwöhnt, so wie ich es kann.
Nachdem sie sich bettfertig gemacht haben, gehen sie wieder. Zeit zum Schlafen. Oder auch nicht. Ich komme nicht darum herum, mir vorzustellen, wie sich ihre Körper in einem sinnlichen Akt miteinander vereinen. Der Gedanke daran lässt mich würgen. Als wäre ich direkt daneben, höre ich im Geiste jeden einzelnen Lustseufzer und jeder von ihnen ist mir ein Stich in die Brust. Der Schmerz wird unerträglich. Ich zische, keife und fluch, schlage um mich und möchte meinen Schädel gegen die nächste Wand donnern. Ich laufe wildgeworden umher wie ein Wahnsinniger in seiner Gummizelle. Ich will sie endlich von Nahem sehen. Ich kann nicht mehr an mich halten. Ich muss hinein. Zum Glück ist es für mich ein Leichtes, in das Haus zu gelangen.
Als ich im Wohnzimmer stehe blicke ich mich still um. Ich sehe gut in der Dunkelheit und erkenne, dass sich nicht viel geändert hat, als ich zuletzt hier war, bis auf…Nein! Ich will es nicht wahrhaben. Immer noch nicht. Ich wende mich ab und versuche, meine Gedanken durchzuschütteln, um irgendetwas anderes in den Sinn zu bekommen. Für einen Moment ziehe ich in Betracht, das Haus wieder zu verlassen. Aber die Begierde ist stärker und triumphiert. So gehe ich also die Treppe hinauf, wobei ich mich so anfühle, als würde ich glühen. Ich sammle meine ganze Kraft und unterdrücke das verzehrende Brennen.
Schließlich gelange ich oben an. Ich lausche an der Tür. Stille. Die beiden ruhen wohl bereits. Ich betrete das Schlafzimmer und mein Blick fällt sofort auf die zwei Liebenden, die eng umschlungen im Bett liegen. Laura atmet sanft mit diesem leichten fiepsigen Anklang, den ich an ihr immer so gemocht habe. Fast wie ein Welpe. So habe ich sie auch immer genannt und sie damit geneckt. Ihre künstliche, aber doch liebevolle Empörung darauf – als ich daran zurückdenke, werde ich sentimental. Ich merke, wie ein gekrampftes Lächeln mich überkommt, auch wenn mir eigentlich nur nach Weinen zumute ist, wenn ich sie mit einem Anderen beisammen liegen sehe. Das Brennen wird heftiger, aber ich ignoriere es. Die Marter ist es mir wert, wenn ich bei meiner Laura auch nur kurz sein kann. Ich gehe an das Bett heran und beuge mich zu ihr herab, erfreue mich an ihren warmherzigen Gesichtszügen, während ich sie streichle. Doch spüre ich dabei nichts. Weder etwas von ihrer Wärme, noch von ihrer weichen Haut. Und würde ich mich noch solange zu ihr ins Bett legen, es gibt keine Chance auf den geringsten Anflug einer Empfindung. Das einzige, was ich wahrnehme, ist diese Glut, die aufwallt, wenn ich bei Laura bin. Das ist auch der Grund, warum ich ihr bislang immer nur auf der Straße gefolgt bin, aber nie das Haus betreten habe, warum ich nie zu lange in ihrer Nähe sein kann. Jetzt habe ich mich überwunden und dafür erhalte ich meine Strafe. Zu Lebzeiten hätte ich noch gesagt, dass ich von einer Agonie geplagt werde. Da ich aber den Todeskampf bereits hinter mir habe, kann ich sagen, dass diese Qual um ein Vielfaches schlimmer ist. Doch weiß ich dennoch nicht, was mich mehr peinigt. Ist es das seelische Lodern an sich oder der Umstand, dass Laura mich vergessen hat. Unten im Wohnzimmer hat sie alle Bilder von mir abgehängt. Auch im Schlafzimmer finde ich keine Erinnerung vor. Wird die quälende Hitze von dem Schmerz entfacht, der aus der Gewissheit resultiert, dass Laura es erfolgreich geschafft hat, mich durch jemand anderen zu ersetzen? Oder gehöre ich einfach nicht mehr in diese Welt, für die meine Seele zu sensibel ist?
Um eine Antwort auf diese Frage kann ich mich nicht länger bemühen. Ich muss hier raus. Im Augenblick einer Sekunde mache ich einen Satz durch die Wand und befinde mich auf der menschenleeren Straße. Der Schmerz lässt nach, aber nur ein bisschen. Er schwelt aber noch stark genug, um in mir den Wunsch hervorzubringen, alle meine Nerven zu sedieren, wenn ich denn noch welche hätte. Allerdings bin ich nur noch der Teil des menschlichen Daseins, aus dem alle Empfindung heraus entspringt. Die Quelle an sich. Das heißt auch, dass die Pein nicht vergeht.
Es ist nicht so, dass mir nicht bewusst ist, dass ich meinem Martyrium ein Ende machen kann, indem ich mich auf ewig vom Erdenreich verabschiede. Wie oft habe ich versucht, mich dazu aufzuraffen? Und doch quäle ich mich noch immer hier unten herum und führe den selbstauferlegten Frondienst aus. Warum tue ich mich das an?
„Weil du ein Narzisst bist“, antwortet mir jemand auf meine nicht ausgesprochene Frage. Ich wende mich der Stimme zu und sehe einen alten Herrn mit schulterlangem Haar, das so lückenhaft von seinem faltigen Kopf hängt wie ein zerrissener Vorhang. Die Frage, wer diese Mann ist, muss ich nicht stellen. Sie haben mir einen Engel geschickt. Der nächste Versuch, mich dazu zu überreden, wieder zurück zu kommen.
„Warum könnt ihr mich nicht einfach machen lassen“, frage ich den Mann, der mich mit einem geradezu beleidigend bemitleidenden Blick ansieht.
„Wir wollen dich nicht daran hindern, dich weiter selbst zu foltern“, erwidert er. „Wenn du willst, dann bleibe hier unten auf ewig. Aber wir haben uns beratschlagt und haben uns gedacht, dass du wissen solltest, was Sache ist, bevor du deine Entscheidung überdenkst.“
Ich verstehe nicht, was der Engel meint. Bevor ich ihn dazu befragen kann, nimmt er meine Worte  vorweg.
„Es ist nicht so, dass die Erde für Seelen wirkt wie die Sonne für Vampire. Du fühlst diese Schmerzen nicht, nur weil du eben hier unten bist. Es ist auch nicht, dass du dich betrogen fühlst von Laura oder weil du denkst, dass sie dich vergessen hat. Denn das hat sie nicht und das weißt du.“
„Aber was ist es dann?“, entgegne ich.
„Ich sag es nochmal. Du bist ein Narzisst. Und du verhältst dich wie ein Stalker. Dir geht es nicht darum, dass du dich vergewissern möchtest, dass es Laura gutgeht. Du willst nur, dass sie ihr Leben weiterhin nach dir ausrichtet, auch nach deinem Tod. Du kommst nicht damit klar, dass sie noch immer ein Leben hat, das sie mindestens noch 35 Jahre führt. Und du weißt tief in dir, dass es selbstsüchtig und falsch ist, was du von ihr erwartest. Das Brennen, es ist deine Reue für dein selbstsüchtiges Verhalten, die du aber nicht wahrhaben willst. Wir haben uns das jetzt eine Zeit lang angeschaut, aber du kommst von selbst nicht darauf. Deswegen möchte ich dir das sagen. Solange du mit dieser größten aller Anmaßungen auf dieser Erde wandelst, dass du auch nach deinem Tod ein Anrecht darauf hast, von deiner Frau geliebt zu werden und dass ihre Gedanken nur noch dir gelten, solange hast du hier unten nichts Schönes zu erwarten. Und das war ja aber deine einzige Motivation. Daraus folgt die Konsequenz, dass es immer so weitergeht. Du hast hier nichts zu erwarten. Aber ich will und kann dich auch nicht zwingen, wieder mitzukommen. Ich kann nur an dir appellieren, den Frieden zu gönnen, den du verdienst und Laura leben zu lassen. Was kümmert es dich jetzt noch? Eingreifen oder sonst irgendwas machen kannst du nicht.“
Ich bleibe eine Weile mitgenommen still und seufze schwer. Klarheit überkommt mich, der Nebel, der mich bislang irren ließ, lichtet sich. Ich weiß, dass er Recht hat. Ich habe nie in diese Richtung nachgedacht, aber jetzt, als ich diese Predigt von jemandem vorgehalten bekommen habe, da wird es mir klar. Es macht Sinn. Den Schlüssel zur Wahrheit habe ich verlegt. Doch der Engel hat ihn mir gebracht und die Schatulle zu meinen Gefühlen geöffnet. Es liegt nun offen, was ich verleugnet habe.
Laura und ich, wir hatten eine schöne Zeit. Darauf kommt es an. Aber nun leben wir in anderen Welten und gehen unsere eigenen Wege. Der Engel hat Recht. Zeit, die selbstzugefügten Wunden, mit Balsam zu heilen.
Ich werfe einen letzten Blick auf das Haus. „Also gut“, sage ich zu dem Engel. „Gehen wir. Du hast Recht.“
„Eine weise Entscheidung. Ich wusste, dass du vernünftig wist.“ Das Mitleid schwindet aus den Gesichtszügen des alten Herren. Er lächelt mir freundlich zu, greift mir sanft an die Schulter und zusammen gehen wir fort ins Licht.

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