Ist Deutschland noch eine Kulturnation?

Dass Deutschland einmal zu den großen europäischen Kulturnationen gehört hat, das ist unbestritten. In erster Linie beruht dieser Ruf auf große Namen weit zurückliegender Vergangenheit. Beethoven, Bach, Schiller, Goethe, Dürer – Berühmtheiten aus Musik, Literatur und Kunst, die die deutsche Geschichte geprägt haben und nicht heute ihren Namen haben, auch wenn solche schillernden Persönlichkeiten im Zuge grassierender Wokeness zunehmen als „zu weiß“ in Frage gestellt werden. Auf diese PC-Babies werde ich an spätere Stelle noch kurz eingehen.

Worauf ich den Fokus zunächst richten möchte, ist, wie Deutschland mit der Entwicklung der der modernen Massenmedien und der Multimedia-Kultur seinen Anschluss verpasst hat und den meisten anderen europäischen bzw. westlichen Ländern hinterherhinkt.

Arte sorgt für einen „Skandal“

Dass ich diesen Beitrag verfasse, hängt mit einer Sache zusammen, die in Deutschland noch immer als latente Bedrohung für das Seelenheil von Kindern und Jugendlichen betrachtet wird: Das Spiel mit Kunstblut und Latex. Da hat es Arte kürzlich gewagt, einmal mehr den gesitteten deutschen Spießbürger zu schockieren, in dem der Sender George A. Romeros Zombie-Klassiker „Day of the Dead“ auszustrahlen. Vollkommen ungeschnitten. Und das, obwohl der Film nicht nur auf dem Index für jugendgefährdende Medien steht, sondern seit etwa 30 Jahren nach § 131 des Strafgesetzbuches wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt ist und damit einem Verbreitungsverbot (keinem Kaufverbot) unterliegt. Erstaunlicherweise hat die Ausstrahlung weitere Kreise gezogen, als gedacht. Arte ruderte sogleich zurück und entschuldigte sich für das „Versehen“ (das groß beworben wurde), während sogar größere Blätter wie SPON, TAZ oder die Stuttgarter Nachrichten auf diesen „peinlichen Fehler“ (Zitat Stuttgarter Nachrichten) aufmerksam wurden.

Sicher muss man aus rein rechtlicher Sicht sagen, dass hier wohl ein Fehlverhalten durch Arte vorlag. Denn auch wenn alle Beschlagnahmebeschlüsse des Filmes verjährt sind, so gibt es bis heute kein Urteil, das Romeros Meisterwerk vom Vorwurf der Gewaltverherrlichung freigesprochen hat. Was aber einmal mehr auffällig war, war die hysterische Berichterstattung über das Programm, die sich nur damit befasste, Arte als unaufmerksam und fahrlässig zu brandmarken, ohne jedoch einmal die Frage aufzuwerfen, ob die Umstände des Filmes überhaupt noch zeitgemäß sind. Indiziert, beschlagnahmt, monströs verrohend. Ein Werk, das Kult- und Klassikerstatus hat, dessen Vorgänger „Dawn of the dead“ (schon seit ein paar Jahren nicht mehr beschlagnahmt und indiziert) sogar im Museum of Modern Art honoriert wird.

Dieser eher kleinere Vorfall schließt sich direkt an die Debatte um die Serie „Squid Game“ an, die nicht allzu lange zurückliegt. Damals wurde die Diskussion so weit getrieben, bis in den Medien irgendwann auch hier die Frage gestellt wurde: Gehört die Serie auf den Index?

Ja, ja, der deutsche Jugendmedienschutz. Freigabeverweigerungen, drei Möglichkeiten, einen Film ab 18 einzustufen und darüber hinaus der Index für jugendgefährdende Medien als Allzweckwaffe. Und wenn das noch hilft, dann kann § 131 in die Presche springen. Auf Basis kruder Theorien, die bis heute nicht belegt sind, leistet sich Deutschland noch immer einen in der westlichen Welt einzigartigen Apparat, der sich nach Thesen richtet, die eigentlich aussagen, dass alle Nachbarländern mit liberaleren Gesetzen sich seit Jahrzehnten mit einer konstant gestörten Jugend herumschlagen müssten. Das konsequente Festhalten an diesem System ist mitunter die Folge von Dogmatismus im Kunst- und Kulturbetrieb, der bis heute nicht überwunden wurde.

Der Sieg des Elitären

Als das Medium Film das Licht der Welt erblickte, war es tatsächlich noch Deutschland, das führend war auf diesem Gebiet. Legendäre Werke wie „Metropolis“ und „Nosferatu“ haben Filmgeschichte geschrieben und die Bildsprache der neuartigen Kunstform nachhaltig geprägt. Leider gab es dann in den 30ern bis 40er Jahren bekanntlich einen drastischen Bruch. Zwar vermochten auch NS-Regisseure wie Leni Riefenstahl aus handwerklicher Sicht und bezüglich der Ästhetisierung stilbildend zu sein, über den Inhalt muss man an dieser Stelle jedoch nicht referieren.

Danach herrschte kreative Ebbe, bis in den 60er bis 70er Jahren der „Neue Deutsche Film“ die Filmindustrie der Bundesrepublik prägte. Protagonisten wie Rainer Werner Fassbinder stießen einen neuen Schaffensdrang an, jedoch auch eine elitäre, engstirnige Denkweise. Exemplarisch dafür steht der Umgang mit dem Regisseur Roland Klick, der sich den Spielregeln nicht beugen wollte. Als sein Western „Deadlock“ mit Mario Adorf in der Hauptrolle in den Filmfestspielen von Cannes laufen sollten, waren es Fassbinder und andere Filmschaffende in der Tradition des neuen deutschen Films, die sich direkt an die Festivalleitung wandten, um eine Aufführung des Werkes im Rahmen des Wettbewerbs zu verhindern: Er wäre angeblich oberflächlich und genüge nicht den hehren Ansprüchen, die sich der deutsche Film in den Jahren zuvor erarbeitet habe.

In diesem Zeitraum entbrannte in Deutschland zudem auch die große Eskapismus-Debatte, die bis heute nicht aus dem Kopf vieler Vertretern des Feuilletons verschwunden ist, was man beispielsweise an dieser „grandiosen“ Kritik zu den Hobbit-Filmen erkennen kann, die anstatt die echten filmischen Schwachpunkte zu benennen, sich vielmehr in der Verächtlichmachung eines ganzen Genres ergeht:

https://www.spiegel.de/kultur/kino/hobbit-film-abrechnung-eines-tolkien-veraechters-a-1007754.html

Fantastische Bücher galten damals als Fluchtliteratur, als Realitätsverweigerung, der jeder künstlerischer Wert abzusprechen war. Das war schade, denn abgesehen davon, dass bereits die komplexe Literatur des Mittelalters von fantastischen Elementen geprägt war, gab es mit E.T.A Hoffmann aus Deutschland einen der Poniere des modernen Schauerromans, der Elemente der modernen Phantastik vorwegnahm. Die Abneigung gegen das Fantastische war mit Blick auf die deutsche Geschichte eigentlich hochgradig paradox. Diese Abneigung galt ebenso einem der großen Klassiker der deutschen Fantasy-Literatur: Die unendliche Geschichte. Deren Autor Michael Ende verbrachte ganze 15 Jahre seines Lebens in Italien. Deutschland hatte er vor allem wegen dieser Debatte verlassen, die von den 68ern zusätzlich befeuert wurde. Deren Kulturkritik richtete sich direkt gegen Ende, dem die 68er vorwarfen, mangelnde Sozialkritik zu praktizieren. Dieses Umfeld, das durchzogen war von kulturellem Snobismus, war der eine Problemfaktor. Dazu kam noch der rigorose Jugendschutz. Aber wahrscheinlich bedingte das eine das andere.

Abartiger Schmuddelkram: Terminator

1954 gegründet, gehört die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (ehemals Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) zu den zentralen Zahnrädern, die das Jugendschutzgesetz in diesem Land am Laufen halten. Seit fast 70 Jahren entscheidet diese Behörde darüber, welche Medien als jugendgefährdend gelten und daher einem Werbeverbot sowie einer Vertriebsbeschränkung unterliegen. Die Kriterien und Maßstäbe änderten sich über die Zeit natürlich ständig. Wurden in den Anfängen dieser Institution sogar Tarzan Comics indiziert, weil sie „nervenaufpeitschend wirkten und Jugendliche in eine unwirkliche Lügenwelt versetzten“ (eine Begründung, die den Geist des Eskapismus-Vorwurfs atmet), waren es später vor allem im Aufkommen der Videokassette die bösen Horror- und Gewaltfilme. Gerade die 80er bis Anfang der 90er war eine Zeit der Hysterie, in der indiziert wurde was ging. Und das Amtsgericht Berlin Tiergarten leistete tatkräftige Unterstützung und zog eine Menge Filme komplett ein. Und wer jetzt denkt, dass das ja nur primitive Gewaltfilme sind, die sich kein normaler Mensch anschaut, der sollte sich gewahr sein, wie viele bekannte und beliebte Filme auf den Index landeten. Eine kleine Auswahl (überwiegend aber mittlerweile vom Index gestrichen):

  • Terminator
  • Starship Troopers
  • Robocop
  • Scarface
  • Scream
  • Wer Gewalt säht
  • Dirty Harry (diverse Teile der Reihe)
  • Trio Infernal (mit Rommy Schneider)
  • Friedhof der Kuscheltiere
  • From Dusk till dawn
  • El Topo

Auch im Buchsegment hat es anerkannte Literatur wie „American Psycho“ oder „Naked Lunch“ erwischt. Im Spielebereich fangen wir erst gar nicht an. Da stand bis vor Kurzem noch ein Star Wars Spiel auf der Liste. Und im Musikbereich trifft es eben nicht nur extremistische Musik. Ein Album der Ärzte wurde sogar folgeindiziert wegen dem Titel „Geschwisterliebe“.

Änderungen, aber bei weitem nicht genug

Es lässt sich zwar feststellen, dass die genannten Titel heute zwar nicht mehr auf dem Index stehen (abgesehen von Geschwisterliebe) und auch viele weitere Titel ob im Bereich Film, Buch, Musik oder Games wurden rehabilitiert. Außerdem hat die Anzahl der Beschlagnahmen nach § 131 signifikant abgenommen. Viele alte Filme wurden freigegeben (z. B. Dawn of the dead, Tanz der Teufel, Texas Chainsaw Massacre, Battle Royale). Es hat sich also viel getan in den letzten Jahrzehnten. Aber ist das wirklich genug? Wenn ähnliche Debatten wie schon in den 80ern jetzt auch bei koreanischen Serien auftauchen und Arte an den Pranger gestellt wird dafür, einen Filmklassiker gesendet zu haben, der Index noch immer unreflektiert als selbstverständliche Notwendigkeit betrachtet wird, obwohl Deutschland diesbezüglich ein Unikat ist, dann darf man schon die Frage stellen, ob da nicht noch mehr geht. Letztendlich merkt man in der Politik auch heute noch, wie die Kunstfreiheit immer wieder unter Generalverdacht gestellt wird und an erster Stelle etwas ist, dass die Sittlichkeit und die Moral verdirbt. Auch wenn die Bzkj und die Amtsgerichte deutlich lockerer geworden sind, versuchen Politiker dennoch immer wieder, den verstaubten Geist reaktionärer Tage wieder zu beleben. Und das zieht sich durch alle Parteien durch.

Der Dauerbrenner der deutschen Politik

Es war die rot-grüne Schröderregierung unter der § 131 noch einmal verschärft wurde. Die damalige grüne Familienministerin Renate Schmidt intervenierte sich sogar direkt in diverse Debatten und forderte offen Zensur, im konkreten Fall das Verbot des Echtzeit-Strategiespiels „Command & Conquer Generals“ wegen Kriegsverherrlichung (zum Glück hat die Regierung selbst damals ja niiieeemals an einem Krieg mitgewirkt). Besagtes Spiel wurde dann auch auf den Index gesetzt trotz einer USK 16 (damals konnten Medien trotz FSK- und USK-Freigabe noch indiziert werden, was heute nicht mehr möglich ist).

Danach rückte Ursula von der Leyen an, die, bevor sie Verteidigungsministerin spielen durfte, ihre Bestrebungen als Familienministerin ebenfalls verstärkt danach ausgerichtet hat, wie man die Indizierungskriterien immer wieder verschärfen konnten. Schützenhilfe gab es damals vom ZDF, das sich auf die guten alten Tage von „Mama, Papa, Zombie“ (Echter Tipp, diese Satire in Dokuform https://www.youtube.com/watch?v=544rDc3o-0s) besonnen hat und mehrere krude Falschinformationen verbreitet hat. Etwa, dass es in Counter Strike darum ginge, Schüler abzuknallen (bezogen hat man sich dabei auf einem Mod, der mit den Entwicklern nichts zu tun hatte). Auf dem Gipfel dieser Debatte kam dann noch Joachim Herrmann daher, der Pixeldarstellungen auf eine Stufe mit Kinderpornografie stellte.

Als es 2016 dann zu einem Amoklauf in München kam (ich teile unter der Berücksichtigung der Tätercharakterisierung nicht die Ansicht, dass dies ein Anschlag war), war die CSU wieder nah dran am Problem und hatte die passende Lösung parat: Vielleicht waren ja doch wieder die Spiele schuld.

Es hat also System, dass immer wieder bestimmte Medien, die in den meisten westlichen Ländern als Teil des digitalen Kulturlebens betrachtet werden, als Sündenbock herhalten dürfen und ihnen die Anerkennung als echte Kunstform verwehrt bliebt. Die Unterscheidung in wertiger und unwertiger Kunst zeigte sich auch darin, dass im Rahmen der Kunst die Darstellung verfassungswidriger Symbole eigentlich gestattet war, Spiele und Comics jedoch davon immer ausgenommen waren. So waren im Hellsing Manga alle Symboliken zensiert, im Anime jedoch vollständig zu sehen. In den Indiana Jones Filmen durfte Indy Nazis in ihrer originalen Uniform verprügeln, in den Lucas Arts Point n Click Adventures durften sich die Nationalsozialisten nicht über das Hakenkreuz zu erkennen geben. Im Gaming-Bereich hat sich das seit kurzem geändert und die USK prüft mittlerweile Spiele, die NS-Symbolik enthalten. Bei Comics ist die ganze Angelegenheit noch immer ungeklärt. In solchen unterschiedlichen Behandlungsweisen zeigt sich, dass die Kunstfreiheit sich in Deutschland nicht allein danach bemisst, dass etwas tatsächlich ein Kunstwerk im Sinne eines schöpferischen Erzeugnisses ist, sondern dass Kunst vielmehr in Klassen eingeteilt wird, von denen einige mehr Privilegien genießen. Und wenn man Kunst als eine Tätigkeit begreift, die auf Wissen, Wahrnehmung, Übung und Vorstellung begründet ist und die der Ausdruck eines schöpferischen Prozesses ist, so wie Kunst eben gemeinhin definiert wird, so müssen auch Comics, Spiele und andere moderne Medien die Kunstfreiheit für sich einfordern können und jene Privilegien, die der Kunst zuteilwerden. Dies ist vielfach noch nicht der Fall.

Man zensiert ja nicht

Diese engstirnige Betrachtung auf moderne Kunstformen lebt in der Beibehaltung des Index für jugendgefährdende Medien weiter, der der Politik von Anfang an nur dazu diente, unliebsame Medien zu verbannen. Sicher, Werke, die auf dem Index landen, sind nicht verboten. Sie dürfen nur nicht beworben werden und unterliegen massiven Vertriebsbeschränkungen, die eine Veröffentlichung unrentabel machen und Rechteinhaber dazu veranlassen, präventiv Selbstzensur zu üben, um eine Indizierung abzuwehren (oftmals ohne Erfolg). Zu der Zeit, als der Index erschaffen wurde, war man sich durchaus bewusst, dass entsprechende Medien rasch unrentabel werden würden und womöglich von selbst zum Markt verschwinden. Man überlege sich mal einfach die Gegebenheiten der 50er und 60er. Welche großen Vertriebsmöglichkeiten hätte es für indizierte Medien gegeben? Im Zweifel gab es zumindest für bestimmte Medien noch den § 131, der vor allem bei Videokassetten angewendet wurde und der bestimmte Medien komplett aus dem Land verbannte. Natürlich war der Kauf für Privatzwecke gemäß des Wortlauts des Paragraphen nicht illegal. Aber wie leicht war es etwa in den 50ern bis 70ern mal eben schnell einen Film aus dem Ausland zu besorgen? Heute in Zeiten von EU und freiem Internet ist es keine Angelegenheit mehr , sich zu besorgen, was man möchte. Aber mit diesen technischen Gegebenheiten konnte man damals nicht rechnen. Ziel war es, den Handel mit bestimmten Medien so unattraktiv zu machen, dass sich der Vertrieb selbst zensierte und sich der Markt praktisch selbst bereinigte. Und wenn man nach Veröffentlichung doch indiziert oder beschlagnahmt? Nun, Zensur ist in der Bundesrepublik noch immer als Vorzensur definiert. Im Sinne des Art. 5 Abs. 1 GG ist es also nicht zulässig, dass der Staat VOR der Veröffentlichung zensiert. Abgesehen mal davon findet die Zensurfreiheit unter andrem ihre Schranken in den Bestimmungen zum Schutz der Jugend. Und da der Jugendschutz Verfassungsrang hat in Deutschland, ist Nachzensur, etwa in Form des § 131 völlig verfassungskonform. Es hindert ja niemand an der Veröffentlichung, aber wir drohen mit einem Gummiparagraphen, den man sonst irgendwie auslegen kann.

Dass Politiker die eigentliche „Jugendschutzmaßnahme“ des Index mehr für die Umsetzung einer sauberen Kunst nutzen möchten, hat auch die ehemalige Familienministerin Schwesig, die, ein Hohelied auf die Bpjm (so hieß sie damals noch) anstimmte, mit folgender Aussage bestätigt:

„Wir wollen Medien: vielfältige, kreative, innovative Medien, Medien, die sich etwas trauen, die kritisch sind und durchaus auch mal provozieren. Medien sind ein Segen und eine Chance, auch für Kinder und Jugendliche“, betonte Manuela Schwesig. „Aber wir wollen keine Gewalt und Kriegsverherrlichung, keine Ausländerfeindlichkeit und keinen Rechtsextremismus. All das wollen wir nicht, weil es das Wohl von Kindern und Jugendlichen gefährdet.

Kurz zusammengefasst: Schwesig möchte nicht, dass für Jugendliche ungeeignete Medien nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen gelangen, sie möchte sie überhaupt nicht hier haben (auch nicht unter Erwachsenen), weil sie für Minderjährige nicht geeignet sind.

Dieses Statement bringt Mark Twains Definition von Zensur auf den Punkt:

Zensur ist, einem Menschen ein Steak zu verbieten, nur weil ein Baby es nicht kauen kann.

Und auch wenn Behörden und Gerichte wie gesagt in ihrer Spruchpraxis deutlich lockerer geworden sind. In der Denkweise der deutschen Politik ist, um es mal provokativ auszudrücken, das Prinzip der entarteten Kunst niemals ausgestorben. Gesellschaftlich macht sich dieses retardierte Kunstverständnis noch immer bemerkbar. Bis heute leidet der deutsche Film noch immer an seiner Einseitigkeit. Genre-Filme sind zwar existent, aber nur im kleinen Rahmen und haben kaum Chance auf Förderung. Fantasy wird noch immer belächelt. Auf der Verleihung des deutschen Computerspielpreises überdehnt man sogar die Regeln, damit man Spiele doppelt auszeichnen kann in Kategorien, in denen sie nicht mehr antreten dürften, nur damit man keinen Preis an ein Spiel verleihen muss, das als zu gewalttätig gelten könnte. Vorgabe in den Anfangsjahren der Preisverleihung war dann auch der obligatorische pädagogische Wert, der wohl direkt aus einer Filterblase heraus bestimmt wurde. Die elitäre Denkweise ist nie ausgestorben. Und für mich stellt sich durchaus die Frage: Ist dies einer Kulturnation würdig? So wie ich es sehe, hat sich Deutschland komplett vom digitalen Kunst- und Kultursektor entkoppelt. Eine Kulturnation muss aber in Bewegung bleiben und den Fortschritt in sich integrieren. Sie muss Vielfalt fördern und nicht das Gefühl von Überlegenheit, wenn man die richtige Kunst praktiziert.

In seinem Heimatland hat der französische Extrem-Horrorfilm Martyrs bei seiner Veröffentlichung die Höchstfreigabe ab 18 erhalten, die in der Regeln nur bei Filmen mit pornografischen Inhalt vergeben wird. Es war die damalige Kultusministerin Christine Albanel, die eine Neuprüfung angeregt hat, die zugunsten des Filmes ausging und ihm die Freigabe ab 16 beschert hat. Ob jemals der Tag anbrechen wird, in dem sich ein deutscher Politiker, sogar noch in Regierungsamt, sich für ein Kunstwerk einsetzt und sei es noch so kontrovers und verstörend? Der Film, um den es geht, ist äußerst brutal und beklemmend. Aber meiner Ansicht nach, muss Kunst moralbefreit sein, dass sie sonst nach Belieben umdefiniert und mit willkürlichen Einschränkungen drangsaliert werden kann. Es ist schön zu sehen, dass in anderen Ländern Volksvertreter ebenso denken.

Apropos Frankreich

So wie ich es sehe, ist die Grande Nation das Land, das noch immer mit Fug und Recht als eine Kulturnation betrachtet werden kann, wie wir im Umgang mit den Werken des Autors Pierre Drieu la Rochelle. Einerseits einer der führenden Intellektuellen Frankreichs in den 1930er Jahren, war er auch bekennender Faschist und Nazi-Kollaborateur. Und dennoch: Der Wert viele seiner Schriften, die abseits von seiner politischen Einstellung mit scharfem Blick die französische Gesellschaft sezierten und subversive Kritik an der französischen Schrift übten, wird anerkannt. Ein Teilwerk gilt sogar als Kulturerbe. Frankreich war in der Lage, den Inhalt einzelner Werke von der politischen Einstellung ihres Schöpfers zu trennen und trotz der Schattenseiten la Rochelles anzuerkennen, welchen Fußabdruck der Mann auf intellektueller Ebene hinterlassen hat. Es ist durchaus möglich, seine Rolle als Nazi-Kollaborateur zu kritisieren, aber auch respektieren, welchen gedanklichen Input er davor hinterlassen hat.

Dass dies in Deutschland so nicht möglich ist, deutete sich während der Farce auf der Frankfurter Buchmesse an, als der Jungeuropa Verlag mit einem Stand präsent war. Gegenstand der Kritik war allein, dass der Verlag dem rechten Spektrum zuzuordnen war und einige Zeitungen haben dies auf der Aufzählung aus dem Programm begründet. Für Welt online war die Tatsache, dass der Verlag la Rochelle publiziert, Grund genug, zu dem Entschluss zu kommen, dass man es hier mit hochgradig fragwürdigen Publizisten zu tun hat. Dass aber la Rochelle Bestandteil des französischen Kulturerbes ist, das ist dann gar nicht mehr interessant. Der falsche Verlag publiziert die falschen Bücher vom falschen Autor. Der Inhalt ist schon gar nicht mehr relevant. Die Gesinnung reicht, um ein ganzes Programm und einzelne Bücher unter Generalverdacht zu stellen. Ein Vorgehen, das, ich wiederhole, höchst anti-aufklärerisch ist. Im gleichem Atemzug hatte niemand Probleme damit, dass auch kommunistische und islamistische Aussteller regelmäßig unterwegs sind. Die Buchmesse war nur ein kleiner Mikrokosmus, ein Diorama wenn man möchte, das einen realen Zustand in der Gesellschaft allgemein veranschaulicht. Es geht nicht mehr um die Debatte in der Kultur, sondern um einen Kulturkampf und darum, dass sich ein Kunst- und Kulturverständnis über andere erhebt und seine Vormachtstellung beansprucht. Das ist kein Anzeichne einer Kulturnation. Wenn es denn nur innerhalb einer aktivistischen Blase bliebe. Aber nein! Die Politik macht dabei mit und fördert auch hier ideologische gefärbtes, elitäres Gedankengut. Die Linksparteien aus Überzeugung, FDP und Union indirekt, weil sie sich aus Feigheit beugen.

Somit breitet sich dieser Aktivismus ungestört aus, jener Aktivismus, der auch die Bedeutung Immanuel Kants für die europäische Entwicklung in Zweifel zieht und der sogar Kant Statuen beschmiert und beschmutzt. Natürlich kann und soll man stets alte Thesen und Denkweisen der Vergangenheit hinterfragen. Das ist sogar einer der Grundsätze, die John Stuart Mill in „Über die Freiheit“ aufstellt – ein Theorem des modernen Liberalismus also. Aber diese Kritik muss eben immer kritisch und sachlich erfolgen, mit Argumenten und dem Willen, zuzuhören und auch mit der Größe einzugestehen, wenn die Missbilligung doch unangemessen ist. Der kompromisslose Wille zur Umwälzung zum reinen Selbstzweck auf Basis des profanen Ressentiments, das die Rechtfertigung bildet, eine kulturelle Machtübernahme anzustreben, das ist keine kulturelle Debatte, keine Diskussion, es ist gar nichts. Wer dann noch meint, Statuen zu zerstören und mit Gewalt Bücher verbannen zu müssen, der bewegt sich jenseits jedem kulturellen Anspruchs.

Ist Deutschland eine Kulturnation? Ich sage nein

Ich hätte noch viel mehr zu sagen, dafür gibt das Thema so viel her. Aber ich belasse es jetzt einmal dabei, da der Beitrag schon außergewöhnlich lang geworden ist. Daher ziehe ich jetzt mein Fazit und sage ganz klar, dass Deutschland seinen Anspruch als Kulturnation verloren hat. Einerseits beziehen wir uns noch immer auf die großen Klassiker und den alten Beiträgen zu Kunst, Architektur und Literatur, anderseits lehnen wir modern Kulturentwicklung noch immer ab, vor allem wenn sie in jugendlichen Subkulturen verbreitet sind. Eine Kulturnation kann sich aber nicht nur auf das Alte besinnen, sondern muss offen für das Neue sein. Vor allem muss man auch endlich hinterfragen, ob ein Jugendschutzsystem aus den 50ern noch Bestand haben kann. Leider herrschen diesbezüglich noch viele Vorurteile in der Politik und zwar sowohl unter Konservativen und selbsternannten Progressiven. Und auch Liberale erheben nicht die Stimme gegen den Status Quo wie sie es eigentlich machen sollten. Eine grundlegende Reform des Jugendmedienschutzes, eine exorbitante Liberalisierung inklusive der Abschaffung von Zensurparagraphen wäre eigentlich ideal für die Ampel, würde sie ihren Anspruch als Fortschrittskoalition ernst nehmen. Aber ich denke leider, dass wir so schnell nicht den deutschen Sonderweg in Sachen Jugendschutz verlassen werden. Parallel macht sich zunehmende Verachtung für deutsche Kultur breit im Zuge überbordender Wokeness inklusive des Kampfes gegen rechts, der längst schon jakobinische Züge angenommen hat. Beides führt dazu, dass Deutschland in einem Zustand der Unverständnis darüber verharrt, was denn Kultur überhaupt ausmacht. Definitiv ist es nicht das Festsetzen eines Dogmas und das biestige Bekämpfen von Abweichungen.

2 Kommentare zu „Ist Deutschland noch eine Kulturnation?

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  1. Jugendschutz? Gut, den brachte die ARD ins Feld, als Mediatheken noch jung waren, vor 14 etwa, als ich dort nachfrug, warum so ein schnöder „Tatort“ erst ab 20h abrufbar sei, auf dem (russophoben) Kulturdings „arte“ aber schon um 14h skalpiert werde. Heute muss man aufpassen, nicht einen „Tatort“ aus versehen abzuspielen, rund um die Uhr.

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