Wie geht es Ihnen?

Schon als die Schwester mir mitteilte, dass der Oberarzt mich sprechen wollte, war mir mulmig zumute. Ich mochte ihn nicht. Und noch weniger leiden konnte ich seinen Assistenten. Dr. Mengel und Dr. Frankenstein, so nannte ich sie. Den einen, den Oberarzt, weil er zwar dem echten Mengele nicht im Geringsten ähnlichsah, aber mit seiner Rundbrille und der Glatze einen astreinen KZ-Arzt in einer Hollywood-Produktion mimen konnte (mir fiel nur kein anderer Nazidoktor ein), den anderen, weil er mit seinem zerzausten Haar, der fahlen Haut und seinem glasigen Blick mustergültig für den verrückten Wissenschaftler stand, der gleich in Mary Shelleys Klassiker an den Folgen seiner Hybris zugrunde ging. Bereits bei meiner Aufnahme kamen mir diese beiden Herren recht seltsam vor und dieser Eindruck hat sich bei jeder weiteren Unterhaltung intensiviert. Ich war fest davon überzeugt, dass die beiden selbst an gewissen Problemen litten. Aber wer war ich, anderen Merkwürdigkeit vorzuwerfen, wenn ich es doch derjenige war, der in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde mit Schnittverletzungen am Arm, eine davon nur knapp noch über einer Ader, deren Verletzung mir hätte den Exitus beschert. Anderseits nahm mir dieser Umstand ja nicht das Recht, andere Menschen zu beurteilen. Schließlich war ich nach wie vor ein Individuum, mit ganz eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen. Und nur, weil ich in den Augen der Gesellschaft offiziell den Status einnahm, auffällig zu sein, machte dies das Verhalten anderer ja nicht besser. Bestenfalls war ich nur eine Kosmetik für Menschen, die sich in einem besseren Glanz präsentieren wollten.
Wie dem auch sei. Die beiden Ärzte waren sonderbar in meinen Augen und ich wusste immer noch nicht so recht, welches Ziel sie mit ihren Methoden verfolgten. Nichts desto trotz gab ich den braven Patienten und führte ein Gespräch nach dem anderen auf dem glorreichen Weg meiner Genesung mit Hilfe fortschrittlicher psychologischer Wissenschaft. Gehorsam folgte ich also der Schwester bis zum Büro des Oberarztes. Auf dem Weg begegnete mir Rolf. Ein netter Typ. War auch wegen Selbstverletzungen hier. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten und wir haben uns ausgiebig über unsere Erfahrungen ausgetauscht. Besonders mochte ich es, wenn wir im ummauerten Hof zusammen Tischtennis spielten und uns dabei erzählten, welche Wege uns in diese Anstalt verschlagen hatte. Es war locker, es war ungezwungen. Es war einfach angenehm, mit jemandem zu reden, der zumindest ähnliche Probleme wie ich hatte, Widrigkeiten durchlaufen musste, die ich nur zu gut verstehen konnte. Das war einer dieser kleinen Augenblicke, in denen ich mich tatsächlich wohlfühlte, einfach, weil alles so authentisch war, wenn zwei Menschen mit einem sich gleichenden Erfahrungsschatz unterhielten und sich Ratschläge gaben. Tatsächlich fühlte ich mich in diesen Momenten nicht mehr einsam. Denn genau das war es schließlich, dass mich zu meiner Handlung bewegte – diese verfluchte Einsamkeit. Nicht zu verwechseln mit dem Alleinsein. Das war ich nie. Menschen hatte ich immer um mich herum. Oberflächliche, karikaturgleiche Menschen, die redeten, aber nichts sagten und die mehr ein Vertreib der Langeweile waren denn echte Gesellschaft. Aber dennoch fühlte ich mich so einsam in dieser Masse, deren hohler Körper allzu leicht zu zerbrechen war, um das Nichts unter der Hülle zu offenbaren. Dass ich mich mit Menschen wie Rolf unterhalten konnte, aber auch mit anderen meiner Mitpatienten, dass ich endlich auf Verständnis stieß, das verlieh mir ein ganz neues Gefühl. Auch wenn mir diese Menschen an sich so fremd waren, waren sie mir umso vertrauter als all die Hohlbirnen in der Schule, mit denen ich in der Pause abhing, die aber dann hinter meinen Rücken über mich angeblichen Spinner lästerten, der für seine Buchvorstellung „American Psycho“ wählte. Sie waren mir näher als die Kärwa Gruppe im Dorf, die mich hier und dort zu sich an den Stammtisch einluden, um sich in bierbeflissenen Geschwätz zu ergehen und dann über meine Freude am Lesen witzelten. Ich war lockerer als in meiner früheren Pfadfindergruppe, die sich das Kleid der Gemeinschaft überstülpten, mich aber wegen meiner Schüchternheit ausgrenzte. Jeden Tag eine gute Tat. Ha. Die Chance auf eine richtig gute Tat haben sie verstreichen lassen.
Das war es auch, was ich immer wieder den Ärzten erzählte: Dass meine Verletzungen das Resultat meiner Einsamkeit war und dass ich mich nach echter Gesellschaft sehnte, die mich versteht. Immer und immer wieder erzählte ich dies. Und gleichwohl erfolgten stets die gleichen Fragen.
Das war dieses Mal nicht anders. Nachdem ich noch einmal tief durchatmete trat ich in das schlichte, sterile Büro ein, wo mich Mengele und Frankenstein bereits erwarteten, der eine wie immer mit seinem glasigen Blick, der von völliger geistiger Abwesenheit zeugte und der andere mit einem falschen Lächeln, um noch einmal eine Wiederholung des abgenudelten Schauspiels „Wir wollen dir helfen“ aufzuführen. Die Begrüßung war kurz und angebunden, ich tat es ihnen gleich. Eines musste man ihnen aber sagen, ihre Psycho-Fabrik war effizient. Frankenstein blieb wie so oft still, Mengele ging hingegen sofort in Betrieb. Dieselbe Prozedur wie immer: Wie geht es Ihnen? Wie war Ihr Tag? Kommen Sie mit dem Personal zurecht? Woran denken Sie gerade? Würden Sie so etwas wieder machen?
Ich war natürlich anpassungsfähig und legte mir ein Antwortschema zurecht: Gut. Gut. Gut. Daran, wie viel Kummer ich meinen Eltern bereitet habe. Nein, würde ich nicht.
Natürlich dachte ich im selben Augenblick, als diese Worte meinen Mund verließen, darüber nach, ob die Ärzte mir glauben würden. Ich musterte sie ausgiebig, aber ihre glasigen Augen ließen keinen Rückschluss zu. Wer war von uns der bessere Pokerspieler? Letztendlich ging es mir nur darum, so schnell wie möglich wieder aus der stationären Behandlung zu kommen. Also legte ich mir diese hurtig zusammengeflickten Lügen zurecht, um den Musterpatienten zu spielen, der rasche Fortschritte durch immerwährend monotone Gesprächssitzungen und Medikamente erzielte. Genauso lief es eben ab, wenn man der Verrückte war. Als ich in jener Sitzung mich darauf konzentrierte, mein Spiel abzuziehen, änderte sich mein Gedankengang etwas. Warum weiterlügen? Warum nicht die Wahrheit sagen? Schließlich hatte ich gewisse Wünsche und diese waren mehr als vernünftig.
Als der Oberarzt mit weiteren banalen Fragen fortfahren würde, brach ich ihn ab. Es kam plötzlich, unerwartet und war wie ein Reflex. Ich sammelte zusammen, was ich an Selbstbewusstsein aufbrachte und legte alles in meine Stimme. „Hören Sie auf!“, schrie ich, wobei ich demonstrativ auf den Tisch schlug, sodass die beiden Männer mir gegenüber etwas in ihren Stühlen zurückwich. Stille. Der Oberarzt war wortlos. Ich hatte sie offenkundig erwischt. Nachdem ich also überzeugt davon war, klargemacht zu haben, dass ich sprechen möchte, senkte ich meinen Ton wieder und sagte bestimmt: „Hören Sie. Ich gebe zu, dass ich jetzt, diese kurze Zeit nach diesem…Vorfall…natürlich noch nicht ganz darüber hinweg bin. Aber was ich festgestellt habe ist, dass es mir geholfen hat, mit Menschen zu reden, die mich verstehen. Die mich verstehen, da sie das gleiche wie ich durchmachen. Zum ersten Mal bin ich in einer Gesellschaft, die mich nachvollziehen kann. Es tut mir gut, mit den Patienten etwas abzuhängen, aber wir brauchen nicht diese verlogenen Unterhaltungen hinter geschlossenen Mauern führen. Wissen Sie, ich denke, was mir guttun würde, wäre eine ambulante Behandlung. Sie wissen schon. Morgens rein, nachmittags raus. Ich könnte mich mit weiterhin mit Menschen austauschen, die tatsächlich ein Ohr für mich haben, von mir aus ein paar kreative Therapiesitzungen mit ihnen halten, um auch etwas mit ihnen zu machen. Und ich wäre nicht von meiner Familie und von der Außenwelt, von meinen Hobbies getrennt. Ich habe mir das angetan, weil ich mich schlicht einsam gefühlt habe. Ich sehe aber nicht, wie es mir helfen kann, wenn man mich weiter isoliert und mich innerhalb dieser Stationswände abkapselt. Ich bekomme ja nicht einmal ein Stift, um zu schreiben. Dabei ist es das, was mich wirklich aufmuntert, wenn ich meine Geschichten verfassen kann. Darin kann ich mich verwirklichen. Könnten Sie mich nicht einfach entlassen und mich zu einer Klinik überweisen, die eine entsprechende Ambulanzbehandlung anbietet? Ich bin mir sicher, dass wir das wirklich helfen könnte.“
Schweigen. Die beiden Ärzte sahen sich an, so als würden sie eine Gedankenübertragung anstrengen. Dann wandte sich der Oberarzt wieder mir zu. Seine Miene war versteinert. Monoton antwortete er: „Ich verstehe Sie hier. Und sich sehe Ihre Beweggründe für Ihren Vorschlag, aber wir können Sie nicht einfach so entlassen.“
Nicht, dass sich nicht wirklich etwas anderes erwartet hatte, aber ein letzter Funken Hoffnung, doch noch Gehör zu finden, glimmerte etwas. Meine Zuversicht lag in Ruinen und mein Recht darauf, wirklich ernst genommen zu werden, wurde in Ketten gelegt. Offenkundig sah man meinen Missmut an, denn Dr. Mengele fuhr sogleich fort.
„Mir ist klar, dass es ihnen nicht gefällt, das merke ich. Aber für Fälle wie den Ihren gibt es nun einmal Vorschriften. Wir können Sie nicht einfach so entlassen. Wir denken, dass die Selbstverletzungsgefahr noch immer zu hoch ist. Und wenn Sie Ihre Schreiberei schon erwähnen. Ihre Eltern haben uns ein paar Ihrer Texte übermittelt. So wie ich es sehe, stehen dazu noch einige Gespräche an. Ein paar Ihrer Gedanken waren doch recht erschütternd. Ziemlich düsterer Stoff.“
So war es also nun. Sie verwendeten meine Leidenschaft gegen mich, legten Produkte der Fantasie so aus, als wären sie real, verdrehten die Kunst als Blickwinkel auf die Welt zu meinem Katalysator für mein selbstzerstörerisches Agieren. Ging es noch niederträchtiger? Meine Güte, es waren finstere, aber fantastische Geschichten.
Aber was mich noch mehr in Aufruhr versetzte: Es hieß, ich sollte nur ein paar Tage hierbleiben, nur für die Beobachtung. Natürlich nur freiwillig. Wobei freiwillig hieß, freiwillig in die Klinik zu gehen ohne eine richterliche Verfügung. Es war Erpressung. Eine Erpressung, die nun fortgeführt wurde. Natürlich musste ich freiwillig weiter in der Klinik bleiben. Sie sprachen es natürlich wie schon zuvor nicht direkt aus, aber der Unterton war eindeutig. Was bliebe übrig? Ich war in Rage. Hätte nochmal geschrien, noch mehr als paar Momente zuvor, wäre am liebsten aufgesprungen, hätte noch kräftiger auf den Tisch gehauen, nein, getrommelt, die Dokumente dieses Kurpfuschers in einem Schwung heruntergeschlagen. Aber ich hielt mich zurück. Einmal laut werden, ja, das war drinnen, wiederholt es zu werden – undenkbar. So viel Geistesgegenwärtigkeit brachte ich auf. Ich hätte ihnen ja nur noch mehr Argumente geliefert. Selbstverletzend und dann noch aufbrausend. Oh, was wäre ich in dieser Kombination für eine bezaubernde Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gewesen. Also schrie ich innerlich, stieß in Gedanken einen wahren Urschrei aus, beschimpfte meine Ärzte, all die Idioten, die dazu beigetragen haben, dass ich an diesem Ort landete. Zum Glück konnten Ohren keine Gedanken hören. Wie wäre ich sonst dagestanden? Wahrscheinlich hat mein einer Ausruf mir bereits einen Minuspunkt eingebracht.
Alle waren sie so verständnislos, die sogenannten Normalen. Egal, ob außerhalb der Klinik oder innerhalb. Niemand mochte mich verstehen oder irgendwen, der hier Hilfe suchte. Was war das für ein Ort, in dem man die Menschen einsperrte, nur um immerzu nichtssagende Fragen zu stellen, sich aber nicht einmal um die individuellen Bedürfnisse scherte? Ein Ort, in dem man den Verstand überanalysierte und die Gefühle völlig außen vorließ. Empathie? Was war das? Warum sich vertieft mit dem Seelenleben von Menschen beschäftigen, wenn man den Verstand als eine feuchte Tapete begreifen konnte, die man ersetzt, während es unter dem Mauerwerk noch immer schimmelte? Aber niemand möchte sich die Mühe machen, sich mit den echten Ursachen auseinanderzusetzen. Dabei hatte ich doch keinen Schaden im Kopf in dem Sinne, dass ich nicht wusste, was ich tat, dass ich nicht Herr über meine Motorik oder Gedanken war, dass ich nicht reflektieren konnte. Ich war schlicht traurig und einsam. Aber diese Erklärung wäre wohl zu einfach gewesen. Also, was bliebe nun übrig? Eine Entscheidung war eigentlich nicht mehr notwendig. Nichts Anderes stand zur Option, als weiterhin schön ruhig zu bleiben, den Gepflogenheiten zu folgen und das Spiel mitzumachen, bis ich gemäß der Regeln mit Bravour bestanden hatte. Abends hatte ich immerhin etwas Zeit für mich, um weiter in Gedanken zu schreien und in mein Kissen zu beißen, um die paar Laute zu unterdrücken, die mir als Grummeln oder Schluchzen trotz aller Beherrschtheit über die Lippen kamen.

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