Aktivistische Diskursfärbung

Ohne Frage haben Worte Macht. Man kann mit ihnen manipulieren, euphemisieren und durch eine nuancierte Ausdrucksweise reale Gegebenheiten verschleiern. Da ich im Marketing arbeite, genauer gesagt als Texter und Content Manager, bin ich über diesen Umstand durchaus im Bilde. Man kann Worte positiv einsetzen, aber auch zu dubiosen Zwecken. Aus dieser Warte heraus erscheint der Zweck durchaus sinnvoll, aus dem einst das „Unwort des Jahres“ ins Leben gerufen wurde. Die Idee war, Worte in den Fokus zu rücken, die einen schlimmen Sachverhalt verschleiern oder schöner darstellen als er ist oder Begriffe zu benennen, die in ihrer Aussage menschenverachtend sind oder gegen demokratische Prinzipien verstoßen. Jetzt kann man natürlich vortrefflich debattieren, in wie fern ein einzelner Begriff sich tatsächlich gegen die Demokratie richten kann (und ich meine damit wirklich nur den Terminus an sich und nicht in seiner Bedeutung je nach Kontext), was sich ohnehin bei den letzten Unwörtern erkennen lässt, ist, dass es nicht einmal mehr um Begriffe geht, sondern um Politik.

Werfen wir dazu einen Blick auf die Sieger der letzten Jahre:

2013Sozialtourismus
2014Lügenpresse
2015Gutmensch
2016Volksverräter
2017alternative Fakten
2018Anti-Abschiebe-Industrie
2019Klimahysterie
2020Rückführungspatenschaft und Corona-Diktatur
2021Pushback

Es fällt auf, dass alle diese Vokabeln vor allem entweder klar dem rechten Spektrum zugeordnet wurden oder schlicht aus dem linken Spektrum kritisiert wurde. Fünf Begriffe beziehen sich darüber hinaus deutlich auf das Migrationsthema. Aber das ist nicht einmal das Problem.

Es geht um Politik, nicht um Sprache

Die Wahl des Unworts versteht sich nach eigenem Bekunden als Sprachkritik. Und dies lässt sich bei einigen der Sieger durchaus legitimieren. Nehmen wir zum Beispiel die Anti-Abschiebe-Industrie her. Dabei handelt es sich eine um vom ehemaligen Verkehrsminister Dobrindt erschaffene Wortschöpfung, die auf einen Missstand in der Asylpolitik hinweist, vor allem darauf, dass es Interessengruppen gibt, die sich gezielt gegen Abschiebungen als rechtsstaatliches Mittel wenden. Und jetzt möchte ich an dieser Stelle nicht erörtern, in wie fern die Bezeichnung Anti-Abschiebe-Industrie zutrifft (meiner Meinung nach hat sie zumindest in Teilen einen wahren Kern), aber man kann hier vielleicht eine ideologische Einseitigkeit feststellen, jedoch im Wesen noch dem Prinzip der kritischen Sprachbetrachtung folgend.

Ganz anders sieht es mit „Pushback“ aus. Pushback ist kein Kunstwort, keine Beschönigung oder eine herabwürdigende Bezeichnung oder Legitimierung eines unmenschlichen Vorgangs. Pushback steht in der Übersetzung nach für Zurückweisung, in dem Fall an der Grenze. Dass Einreiseverweigerungen seit jeher das Recht staatlicher Hoheit sind, ist unbestritten. Und auch bei anderen Themen würden wir uns nie an solchen Begrifflichkeiten stören.

In der Begründung für die Auswahl heißt es folgendermaßen: Mit dem Begriff „Pushback“ werde ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt, der „den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nehme, das Asylrecht wahrzunehmen. Der Einsatz des Fremdwortes trage zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei.

Hier interveniere ich sofort! Durch das englische Wort „Pushback“ wird gar nichts verschleiert. Es sagt genau das aus, was es ist und romantisiert nichts. Es bezeichnet einfach den Grenzschutz, was den Schluss nahe liegt, dass die Gesellschaft, die die Wahl vorgenommen hat, ihr Problem nicht mit der Benennung hat, sondern mit dem Vorgang an sich. Man nimmt Anstoß an einer politisch legitimierten Handlung und legt darüber ein mehr als fahles Kleid, um ehr schlecht zu kaschieren, dass das diesjährige Unwort nichts mehr mit der Beurteilung von sprachlichen Entwicklungen zu tun hat. Dennoch fließt dies in Form einer Kritik am Diskurs mit ein und impliziert daraus resultierend, dass bereits eine bestimmte Politik den Kurs verdirbt. Dazu passt die Begründung zum Vorjahressieger. Dabei wird außerdem pauschal angenommen, dass jeder, der an der polnischen Grenze gestrandet ist, das Recht auf Asyl hat, welches vom Versuch der Migration unter dessen Deckmantel erst gar nicht getrennt wird.

Zur Wahl der Rückführungspatenschaft im Vorjahr ließ die Jury Entsprechendes verlauten: Der Begriff sei zynisch und Ergebnis einer seit Jahren moralisch enthemmten Diskussion über Flucht und Migration.

Auch hier kann deutlich herausgelesen werden, dass es nicht nur um den Begriff an sich geht, sondern allgemein um die Debatte zur Migrationspolitik. Wir lesen von dubiosen und vagen Aussagen wie „enthemmt“ und „moralisch“, ohne jedoch eine Spezifizierung zu erhalten, was wir darüber vorstellen. Der Begriff der Moral wird immer dann angeführt, wenn es darum geht, einen Dualismus von Gut und Böse vorzunehmen, um bestimmte Ansichten zu dämonisieren. Natürlich hat jeder Mensch seine Moral. Aber Moral ist nun einmal nur schwer zu begründen, aber leicht zu predigen, wie es auch Nietzsche bereits gewusst hat. Nur wer seiner Moral aus echter Überzeugung folgt, aber auch die Moral anderer Menschen anerkennt, der kann seinen Standpunkt auch mit Argumenten untermauern. Der wird debattieren und den Sachgegenstand an sich in den Fokus rücken. Wer aber die Moral zur Selbstlegitimation erhebt und etwas nur ohne weiteren inhaltlichen Input als moralisch vorgeschrieben erachtet, der ist ein Moralmensch, dem es nicht um den freien Diskurs geht. Denn das ist der Kern: Den Diskurs zu färben im eigenen Sinne. Dabei wird die sinnstiftende Erzählung, das Narrativ der Beliebigkeit ausgesetzt. Einerseits wird sich auf dem westlichen Narrativ der unveräußerlichen Grundrechte berufen, die auch das Aslyrecht umfassen, anderseits werden diese Grundrechte auf einen Bereich ausgestreckt, den sie nicht betreffen: die Einwanderung. Und nach wie vor gilt: Migration ist nun einmal kein Grundrecht. Vor allem dann nicht, wenn sie nicht mehr als eine lokale Problemverlagerung ist und an einem anderen Ort Probleme schafft. Man kann diese Politik der willkürlichen Einwanderung auch als unmoralisch bezeichnen und es gäbe viele Gründe dafür. Im Rahmen der Meinungsfreiheit ist dies ebenso legitim wie auch, dass man sich für ungebremste und schrankenlose Migration ausspricht. Beide Seiten können aber für sich nicht eine Unfehlbarkeit beanspruchen. Keine Meinung darf sich als unantastbar sehen, wie es schon John Stuart Mill verfasste. Denn in nachträglicher Beurteilung (womöglich erst nach Jahrhunderten) kann eine als Wahrheit gesicherte Meinung unter Berücksichtigung neuer Mindsets und Erkenntnisse doch als Irrtum erkannt werden. Dazu muss allerdings immer ein freier Diskurs stattfinden und kein in welche Richtung auch immer gefärbter.

Sei links oder rechtsradikal

Ein weiteres Beispiel für diese aktivistische Diskursfärbung fand vor geraumer Zeit statt, als die „Neuen Deutschen Medienmacher“ ihre Auszeichnung „Goldene Kartoffel“ an die bürgerlichen Medien (ich gehe mal davon aus, damit ist alles gemeint, was rechts der TAZ schreibt) dafür verliehen haben, dass sie linke Identitätspolitik samt skeptischer Betrachtung zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht haben. Angeblich hätten sie dadurch rechtsextreme Narrative salonfähig und in der Mitte der Gesellschaft anschlussfähig gemacht. Wir merken uns also: Wer die linke Identitätspolitik ablehnt, der ist nicht nur nicht links, nicht nur rechts, sondern gleich rechtsextrem oder zumindest macht er sich mit Rechtsextremen gemein. Es besteht gar nicht die Option, dass man diese Identitätspolitik ablehnen kann, ohne auf irgendeine Weise in der Schmuddelecke zu landen. Auch hier haben wir es mit einer moralischen Färbung ohne jeglicher argumentativen Substanz zu tun, die nur der Dämonisierung bestimmter Meinungsrichtungen dient und dazu, den eigenen Werten eine moralische Hoheit zu verleihen. Die eigene Weltsicht wird als Monstranz vor sich hergehalten, als Zurschaustellung einer einer postmodernen Liturgie, die sich einmal mehr aufklärerisch gibt, sich aber um diese Aufklärung herumwindet und sich selbst den Anspruch auf Dogmatismus verleiht, wie es die katholische Kirche über viel zu lange Zeit vermochte. Ich spreche hier von einer politischen Religion, die keinen Wert auf einen freien Diskurs legt, sondern diesen in ein Korsett zwängt.

Ironie: „Alternativlos“ war ebenfalls bereits ein Unwort.

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