Sarahs Entscheidung

„Brauchst du noch lange Schatz?“
„Ja…nein. Nicht mehr wirklich. Gib mir noch einen Augenblick.“
Bereits seit Stunden saß Omar an seinem Schreibtisch tief versunken in seinen Akten, was Sarah einmal mehr mit Besorgnis zur Kenntnis nahm. Sie hätte sich nichts dabei gedacht, wenn es sich um eine arbeitsintensive Ausnahmesituation gehandelt hätte, doch dem war nicht so. Vielmehr sah die normale Woche so aus, dass ihr Mann regelmäßig 12-Stunden-Schichten schob, nur um daheim weiter noch etwas Papierkram zu erledigen und sich dann ins Bett zu werfen. Für seine Frau war keine Zeit mehr übrig. Und am Wochenende sah es nicht anders aus. Kaum hatte er sein Frühstück eingenommen, war er auch schon wieder an seinem Heimschreibtisch und widmete sich ganz seiner Arbeit. So ging es bereits seit Monaten. Nicht dass sich Sarah nicht daran gewöhnt hätte, dass Omar eine Tätigkeit innehatte, die mit viel Verantwortung einherging. Es war ihr klar, dass er sich nicht nach festen Zeiten richten konnten, wie es etwa ein Fließbandarbeiter tat. Sie hatte es akzeptiert, dass seine Arbeit viel von ihm forderte und schließlich wusste sie, seit sie sich vor Jahren kennengelernt hatten, was sie erwarten würde. Aber das Arbeitsvolumen, mit dem er sich seit geraumer Zeit herumschlug, überstieg alle ihre Vorstellungen. Auch, wenn sie noch immer Verständnis dafür aufbrachte, was tat – es war ja für eine gute Sache – so sehnte sie sich doch danach, dass Omar ihr zumindest mal wieder etwas Aufmerksamkeit zukommen ließ.
Sarah schritt an ihren Mann heran, der wie in Trance über seine Unterlagen gebeugt war und fasst ihm auf die Schulter.
„Du arbeitest dich zu Tode“, sprach sie ihm ruhig, aber bestimmt zu, ohne dass er sie zunächst registrierte. Sarah schnaubte ohne sich ihre innere Enervierung allzu sehr anmerken zu lassen. „Wirklich? Du tust jetzt sogar so, als würdest du mich nicht bemerken? Findest du das nicht etwas lächerlich?“
„Was?“ Omar ließ von seinen Arbeitsutensilien ab. Seine Augen waren gerötet als hätte ihn der schlimmste Heuschnupfen ereilt. Sarah erschrak darüber.
„Ach herrje“, sagte sie schnappartig mit der Hand vor den Mund geschlagen. In dem Moment realisierte sie, wie lange sie ihren Mann nicht mehr so wirklich aus der Nähe betrachtet hatte und wie separat sie nebeneinander her lebten. Wäre ihr schon vorher aufgefallen, wie ausgelaugt ihr Liebster aussah, dann hätte sie schon längst interveniert.
„Tut mir Leid“, stammelte Omar, „ich weiß, das ist gerade alles viel. Aber wir stehen gerade vor großen Umbrüchen und es gilt, viel zu planen. Nur noch ein paar Wochen oder so. Ein paar Wochen durchhalten. Und wenn alles in trockenen Tüchern ist, dann geht´s an die Umsetzung. Dann bin ich erst einmal entlastet und ich habe wieder mehr Zeit.“
Sarah murrte unzufrieden. Ähnliche Antworten hatte sie schon oft gehört, noch einmal wollte sie sich nicht damit abfertigen lassen. Um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, schlug sie auf den Tisch.
„Nein! Das akzeptiere ich nicht mehr. Du hast viel zu tun. Schön und gut. Aber das ist keine Rechtfertigung, deine eigene Frau so aufs Abstellgleis zu stellen. Du brauchst mir auch nicht sagen, dass du nicht ein bisschen, nur wenige Momente für mich aufbringen kannst.“
Omar starrte sie wortlos an. Was mochte jetzt in seinem Kopf vorgehen?
„Was machst du überhaupt? Du hast mir nicht einmal davon erzählt, was dieses Riesenprojekt überhaupt sein soll. Warum nicht.“
Ihr Mann nickte nachdenklich und biss sich auf die Lippen. Sarah war, als könnte sie einen Anflug von Schuldbewusstsein in seinen Augen erkennen. Schließlich, nach weiteren Sekunden des Überlegens, ergriff er das Wort: „Du hast Recht. Ich habe dich nicht gut behandelt. Und ich habe dich im Unklaren gelassen. Als Ehepartner sollten wir so etwas nicht machen.“
„Schön, dass du es doch mal einsiehst. Und was ist die Konsequenz für dich daraus?“
Schon wieder erfolgte das Schweigen, das Sarah wiederum mit zornigem Brüllen erwidert hätte. Doch sie beherrschte sich.
„Sag doch“, mahnte sie ihn. „Was ist so wichtig, dass du dich so verhältst?“
Schließlich lenkte Omar ein. „Also gut“, sprach er. „Ich werde dich etwas aufklären. Vielleicht verstehst du, warum ich gerade so viel Energie darin hineinstecke.“
Er sammelte ein paar Dokumente zusammen. „Vielleicht willst du dich setzen“.
„Ich kann auch gut stehen. Danke.“
„Bevor ich dich aufkläre, möchte ich dir kurz sagen, dass ich dich wirklich liebe. Aber du weißt auch, dass meine große Leidenschaft darin besteht, für Gerechtigkeit zu kämpfen und dafür, dass die Menschen endlich gleich sein können. Das wusstest du von Anfang an.“
„Das weiß ich.“
„Es ist nicht so leicht, all das unter einen Hut zu kriegen. Wir müssen viel planen. Es geht um den nächsten großen Schritt zur perfekten, gerechten Gesellschaft. Das erfordert nun einmal meine ganze Aufmerksamkeit. Das verstehst du doch oder? Du willst doch auch eine gerechte Gesellschaft, oder?“
„Natürlich will ich das“, antwortete Sarah argwöhnisch. Was hätte sie auch anderes sagen sollen? Wer wollte denn auch eine ungerechte Gesellschaft und wer würde dies dann noch gegenüber einem Beamten zugeben, der an höchster Stelle im Gerechtigkeitsministerium tätig war? Auch wenn es sich dabei um den eigenen Ehegatten handelte.
Omar fuhr fort: „Dir im Einzelnen jetzt alles zu erklären, wäre etwas zu umfangreich, aber einen ersten Einblick kannst du ja dadurch gewinnen.“
Er reichte ihr ein Dokument, das Sarah ausgiebig musterte. Was sie darin las, verstörte sie zutiefst.

Grundlegende Parameter zur erweiterten Quotenregelung – der nächste Schritt zur Nivellierung der Menschen und Ansätze für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft

Im Zuge der erweiterten Quotenregelungskampagne leitet der progressive Senat bestehend aus den Parteien „die demokratischen Sozialisten“, „Liste Systemwechsel“ und „die Ökologischen“ den nächsten Schritt ein. Nachdem bereits gesellschaftliche Quoten von People of Colour, physisch beeinträchtigten Menschen, Frauen, Menschen mit nicht originärer Geschlechtsidentifikation, Menschen mit nicht dominierender religiöser Anschauung in Betrieben, Mietshäusern, Kindergärten, Schulen und allen anderen Erziehungs- sowie Bildungsanstalten, im Senat und in allen Regionalparlamenten, in der Kultur und in allen anderen Bereichen und Einrichtungen des öffentlichen Lebens festgelegt wurden und verschiedene Programme initiiert wurden, um den Anteil von „bunten Paaren“ in der Gesellschaft zu erhöhen, bleibt festzuhalten, dass diese Bemühungen durchaus Erfolg zeigten, aber noch verschenktes Potenzial offenbaren.

Es zeigt sich, dass der Anteil männlicher Menschen, die nicht als People of Colour klassifiziert werden können, noch immer deutlich zu hoch ist, um ausgleichende Gerechtigkeit für Kolonialismus und andere Ungerechtigkeiten zu schaffen, die von diesen Gruppen ausgingen. Der Senat muss sich eingestehen, dass der weiße Einfluss noch immer in vielen Lebensbereichen zu hoch ist, um wirklich gerechtigkeitsbringend wirken zu können.

Daher müssen wir einen Schritt weitergehen. Im Auftrag des progressiven Senats ruft das Gerechtigkeitsministerium hiermit das Projekt „identitätspolitische Offensive“ ins Leben mit dem Ziel, die Gesellschaft maximal Gerecht zu machen durch die Vergeltung von Unrecht. Dies muss über folgende Faktoren geschehen:

  • Die Förderung literarischer und künstlerischer Werke richtet sich nach dem Verbreitungsstatus der Gruppe, der ein/e Autor/in oder Künstler/in angehört. Je geringer der Anteil, desto höher muss die Förderung ausfallen. Gleichzeitig muss die Förderung für weiße Schaffende für die nächsten fünf Jahre eingefroren werden. Gleichwohl wird in einem gesonderten Positionspapier festgesetzt, welche Gruppe das Recht hat, über welche Themen zu schreiben, um dadurch zu verhindern, dass es dadurch nicht zu kulturell unsensiblen Anmaßungen kommt.
  • Ähnliches muss für den akademischen Betrieb an den Universitäten erfolgen. Der Anteil der weißen Verfassenden von Schriftstücken muss sich auf ein Minimum beschränken. Statt europäischer kolonialistischer Autoren/innen müssen die Universitätsbibliotheken von kulturell bereichernden Autoren/innen dominiert werden, die einen klaren Blick auf die europäisch-kolonialistische Erbschuld wirft. Nur so lässt sich eine differenzierte, akademische Betrachtungsweise erzielen. Es gilt darüber hinaus, alle Schriftstücke zu verbannen, die sich auf den klassischen Liberalismus berufen, da er ein regressives und ein veraltetes, diskriminierendes Bild von Meinungsfreiheit zulässt, das in der Vergangenheit zu oft dazu geführt hat, die Befindlichkeiten von Minderheiten zu verletzen. Hierbei gilt festzuhalten: Hierbei gilt nach wie vor der Grundsatz: Meinungsfreiheit ist anti-progressiv und gehört durch die totale Akzeptanz jeglicher Weltanschauung ersetzt (abgesehen von der staatsschädlich konservativen-regressiven sowie der klassisch liberalen), denn wir sind der Meinung, dass nur Akzeptanz die Menschen frei macht.
  • Im nächsten Schritt muss die Quotenregelung nicht nur innerhalb von Institutionen erfolgen, sondern gesamtgesellschaftlich, was eine strikte Geburtenkontrolle notwendig macht. Daher soll anvisiert werden, dass weiße Paare auf die nächsten 5 Jahre hin keine Kinder bekommen dürfen. In Kombination mit dem Partnervermittlungsprogramm sollen weiße alleinstehende Menschen egal welchen Geschlechts mit Menschen anderer Hautfarbe zusammengebracht werden. Sollte es dennoch zu illegalen Schwangerschaften kommen von zu regulierenden Paaren, müssen Zwangsmaßnahmen ergriffen werden. Diese können sein: Zwangsabtreibungen, Sterilisierungen und bei unerlaubten Geburten auch Kindstötungen.

Mit jeder Zeile, über die ihre Augen fuhren, nahm in Sarah das beklemmende Gefühl zu, als triebe ein Dämon in ihr sein Unwesen, der mit seinen mächtigen Klauen ihr Herz langsam und genüsslich zerquetschte. In ihrer zitternden Hand vibrierte das Papier wie das Blatt eines Baumes im Wind, während heiße Glut durch ihre Adern schoss. Schließlich konnte sie es nicht mehr ertragen. Als sie das von den Kindstötungen las, wandte sie sich Ruckartig ab und lies das Schriftstück achtlos fahlen. Am liebsten hätte sie es an Ort und Stelle zerrissen.
„Was ist denn los?“, fragte Omar.
Meinte er diese Frage ernst? Wie konnte er nicht wissen, was sie so bestürzt hatte? Wie konnte ihr Mann überhaupt an so einem barbarischen Projekt mitwirken? Das, was Sarah geradeeben gelesen hatte, wirkte in ihr so sehr nach, dass schon der Gedanke daran, Omar in die Augen zu blicken, Übelkeit in ihr hervorrief.
„Sag schon, was ist los?“, wiederholte ihr Gatte. Sarah wandte sich weiter von ihm ab. Eine Träne rann über ihre geröteten Wangen.
„Ist das wirklich ernst gemeint, was darin steht?“, würgte sie matt hervor.
„Natürlich. Warum sollte es nicht?“ Die Verwunderung in Omars Stimme war nicht zu verkennen. Er war tatsächlich davon ausgegangen, dass sie ihn mit Jubelstürmen beglückwünschen würde, dass sie beide seinen großen Erfolg in dieser aus seiner Sicht überragenden Angelegenheit feiern würden. Er ahnte nicht im geringsten, dass Sarahs Verständnis von ihrer Beziehung mit einem Schlag in Schutt und Asche lag. Wie ein Haus, das man mit entzündetem Gas zur Explosion brachte, waren ihre Gefühle für Omar nur noch eine trostlose Ruine – und das von einem Moment auf den anderen. Eine Minute hatte dafür gereicht, ein Stück Papier, auf dem ein paar Sätze geschrieben waren, die aber aussagekräftig genug waren darüber, welche kaputte Geisteswelt in dem Mann vorherrschte, von dem sie bis vor Kurzem noch dachte, dass sie ihn liebte. Und Sie hatte sich solche Sorgen gemacht um ihn und um ihre Beziehung. So viel darüber sinniert und sich damit gemartert, zu überlegen, wie es besser werden könnte – nur, um festzustellen, dass sie ihren Ehemann nicht so wirklich gekannt hatte. Ein paar Momente vorher hätte sie ihm nie zugetraut, Handlanger bei solchen schlimmen Dingen zu sein. Mord und Zwang? Oh bitte, sei dies doch nur ein böser Scherz.
„Schau mich doch an und sag mir, was dich bedrückt“, sagte Omar sanft und versuchte, Sarah über die Schulter zu streicheln. Sie winkte schroff ab: „Fass mich nicht an!“
Verdutzt wich Omar zurück. Dabei hob er seine Hände als Geste der Beschwichtigung. „Ok, alles gut. Ich lass dich. Aber sage mir doch, was los ist.“
Sarah schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich kann das nicht unterstützen, woran du dich hier beteiligst. Es ist unmenschlich.“
„Woher kommt das jetzt“, fragte Omar. Das Unverständnis stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich dachte, du möchtest dich daran beteiligen, die Welt ein Stück gerechter zu machen. Denn genau das machen wir. Gerechtigkeit bringen für die, die solange unterdrückt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Hast du nicht selbst gesagt, du möchtest dich für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen?“
„Ja schon…aber das…das ist keine Gerechtigkeit.“
„Möchtest du also zurück zum weißen Überlegenheitsdenken, das den Rassismus in die Welt gebracht hat? Es war ein Übel, das so viel auf der Welt zerstört hat.“
„Und das, was Ihr hier plant, macht das nun besser? Billiger kollektivistischer Revanchismus?“
Omar hob drohend den Finger und fuhr sie rabiat an: Es reicht mir! Weiße, die wirklich progressiv denken, verstehen das. Sie zeigen Demut und das Verständnis. Es mag eine harte Maßnahme sein, aber temporär ist sie notwendig. Und du solltest überhaupt mal noch überlegen, ob du auf unserer Seite bist oder auf der von Rassismus.“
„Warum muss ich auf einer Seite sein?“
„Weil es kein Dazwischen gibt! Kapier das doch endlich.“
Beklemmende Stille erfüllte das Raum. Omars und Sarahs Blicke kreuzten sich mit der Schärfe eines Säbels. Sollte das Band zwischen ihnen jemals eine echte Komponente gehabt haben, wahre Zuneigung, und wäre es nicht nur aus künstlichen Strähnen gewesen, die das Gesellschaftsprinzip ihnen eingeflochten hatte, so wäre dieses Band nun endgültig zerrissen. Es gab nichts mehr, was sie zusammenhielt. Beide wussten dies.

„Tja und so lief es eben ab.“ Sarah rührte unbeteiligt mit ihrem Löffel im Kaffee herum und starrte die blanke, weiße Wand an. Roland musterte seine Bekannte, die so niedergeschlagen aussah wie nach zwei schlaflosen Nächten, angestrengt und versuchte, zu entwirren, was in ihrem Kopf vorging. Ihre Augen waren gerötet. Das Haar zerfasert und wahrscheinlich triefte das Fett bereits darin. So kannte er sie nicht, dass sie sich so gehen ließ. Aber gemäß den Umständen. Wer hatte nicht schon einmal einen schwachen Moment erlebt?
„Eine Scheidung also?“, fragte Roland. „Das ist ja nicht so die Welt. Wahrlich nichts Außergewöhnliches. Hat jeder das Recht dazu. Oder bereust du deinen Schritt?“
Sarah schüttelte den Kopf. „Nein. Das tu ich nicht. Es war die richtige Entscheidung. Mich bindet nichts mehr an ihn. Wir waren zusammen, weil wir im Rahmen des Datingprogramms zusammengeführt wurden. Mehr war da nicht. Ich dachte, ich könnte mich damit arrangieren, sogar Liebe finden über die Jahre. Aber es ging doch nicht so wirklich, wie ich im Nachhinein festgestellt ahbe. Und was ich dann erfahren habe…das war der letzte Tropfen. All diese Abweisung mir gegenüber, dafür, dass er so etwas Unmenschliches plant. Ich kann das nicht.“
„Dir ist schon klar, dass er dein Verhalten meldet, warum du die Scheidung eingereicht hast. Du wirst einen negativen Eintrag in deinen Social Score erhalten und als Beamter im Ministerium hat er die Kontakte, um dir ordentliche Minuspunkte zu geben.“
„Das ist mir klar“, seufzte Sarah. „Aber ich denke dennoch, dass es richtig ist. Hast du vielleicht etwas zum Trinken da? Whisky oder so?“
„Es ist 10 Uhr morgens“ Roland hob überrascht und gleichwohl skeptisch seine Augen. „Das sieht dir nicht ähnlich. Sag, was dich bedrückt. Ist es doch die Scheidung? Du musst nicht die Harte spielen.“
„Es ist nicht die Scheidung, was mich bekümmert. Ich werde es dir erzählen. Aber wenn du was zum Trinken hast, dann gib es mir erst mal. Ich brauch einfach was. Ich bin total nervös.“
„Ob Alkohol hilft, ist fraglich, aber gut. Natürlich.“ Roland verließ den Raum und kam kurz darauf mit einem Rum sowie zwei Gläsern zurück.
„Na, wenn schon, dann trink ich einen mit“, sagte er und schenkte sich beiden ein. „Leider kein Whisky. Aber dafür einen guten Rum.“
Während Roland nur nippte, stürzte Sarah fast das ganze Glas in einem Zug herunter. Roland machte sich seine Gedanken, hielt sie aber zurück. Er wollte nicht übermäßig verurteilend herüberkommen und zunächst abwarten, was sie ihm erzählen würde.
„Es ist nicht die Scheidung“, beschwor Sarah erneut und bekräftigte ihre Aussage damit, dass sie Roland mit einer zurechtweisenden Fingergeste bedachte. „Ist sie nicht. Es war nur. Ich war danach so fertig. Ich brauchte etwas Ablenkung. Ich. Ich habe mich einfach wieder schnell mit anderen Männern getroffen.“
Sarah machte eine kurze Pause und hielt Roland ihr Glas hin als Zeichen zum Nachschenken, was er auch tat.
„Ja, ich habe mich mit Männern getroffen.“
„Intim? Das kann ich dir nicht verübeln. Vielleicht war diese Ablenkung das Richtige.“
Sie nickte. „Das Problem ist nur.“
Roland bemerkte, wie schwer sie sich tat, die nächsten Worte hervorzubringen, beinahe so, als hätte sie eine Biene verschluckt. Er wollte jedoch nicht weiter drängend sein und wartete geruhsam ab, bis sie ihre Sprache wiederfand.
„Ich habe mich mit weißen Männern getroffen.“ Sie würgte den Satz mit Galle und einem verzerrten Gesichtsausdruck hervor, der Roland hochschellen lies.
„Ist dir schlecht? Soll ich einen Eimer holen.“
Sarah winkte ab. „Danke, es geht schon. Ein merkwürdiger Ekel überkommt mich, aber es ist nichts Physisches. Ich muss mich nicht übergeben. Es ist nur…ich komme mir so schäbig vor.“
„Weil du Weiße datest?“
„Vielleicht hätte ich mich wieder für das Programm melden sollen, mich jemand anderen zuführen?“
„Bis jetzt sagt ja das Gesetz, dass man nach einer Ehe, die eine bestimmte Zeit lang dauerte, sich den Partner frei wählen darf. Und es gibt nach genug andere Freiräume. Du verstößt ja gegen kein Gesetz.“
Kaum hatte Roland dies gesagt, brach seine Bekannte in Tränen aus. Es waren ganze Ströme, die ihr über das Gesicht hinabstürzten. Roland blickte verlegen umher, nicht wissend, was er sagen sollte. Still hörte er ihr unverständliches Gestammel an, das sie zwischen ihrem Wimmern hervorquetschte. Er ließ sie weinen und schenkte sich ebenfalls noch etwas Rum nach.
„Tut mir leid“, schniefte Sarah, als sie allmählich wieder ihre Contenance fasste. Mit ihrem Ärmel wischte sie sich die Feuchte aus der Gesichtshaut. „Ich bin so verzweifelt. Und ja, ich habe gegen ein Gesetz verstoßen nach dem, was die Regierung in die Wege leiten will. Ich…ich. Ihre Brust schmerzte wie durch Nadelstiche in der Aufregung vor dem Moment in dem sie mit der Wahrheit auf den Tisch musste. „Ich“, setzte sie an und atmete noch einmal durch. „bin schwanger.“
Diese Information ließ Rolands Augen vor Irritierung übergehen. „Du bist schwanger?“, fragte er in einem Tonfall, als hätte er sich verhört.
„Ja und es war von einem…der Männer. Du siehst mein Problem?“
„Ein weißes Kind also. Die neuen Regeln werden bis zur Geburt in Kraft treten. Und das Kind wird nach Geburt getötet werden.“
„Das ist das Schreckliche.“
„Du könntest die Schwangerschaft aber auch melden und eine Abtreibung durchführen lassen. Sex mit weißen Männern würde an sich ja nicht strafbar sein. Wenn das Kind noch nicht auf der Welt ist, kannst du dich vor Strafe bewahren.“
„Ich weiß nicht.“ Sarah wandte nachdenklich den Blick ab. „An sich genommen hätte ich mich ja auch schon immer nach einem Kind gesehnt.“
„Aber doch nicht auf diese Weise?“
„Vielleicht nicht. Aber wenn es jetzt passiert ist, warum nicht versuchen? Immerhin verdiene ich ja gut und kann mich gut um das Kind sorgen, auch eine private Betreuung engagieren.“
Roland rümpfte die Nase ob ihrer Einfalt. „Aber das geht nicht, wie du bereits sagtest. Das Kind wird getötet werden. Du könntest es abtreiben lassen und es nochmal…nun ja, mit einem Mann anderer Hautfarbe versuchen.“
Auch wenn Sarah sich Rat von ihrem Bekannte erhofft hatte, so war sie doch erschrocken darüber, was er ihr empfahl.
„Das meinst du doch nicht ernst“, zischte sie ihn an.
„Was bleibt dir anderes übrig.“
Sarahs Augen entwich schlagartig das Leben. Wie milchiges Glas hingen sie in den Höhlen. „Eine Möglichkeit gibt es noch und ich habe mich dafür bereits entschieden. Ich frage mich im Nachhinein, warum ich mit dir darüber überhaupt noch reden wollte.“
Roland nickte zur Kenntnis nehmend. „Ich weiß, was dein Ziel ist. Das mit dem Rum. Du säufst, um die Chance auf eine Behinderung zu erhöhen.“
„Nicht viel, es soll kein vollkommener Schaden werden. Vielleicht nur ein bisschen. Damit ich das Kind trotz der Hautfarbe in der Behindertenquote geltend machen kann.“
„Es ist riskant. Es kann klappen, muss aber nicht. Vielleicht kommt das Baby dennoch gesund auf die Welt oder so retardiert, dass es von Anfang an ein komplett verpfuschtes Leben hat.“
„Du würdest mir also immer noch weiter zur Abtreibung raten?“
„Ich will dir gar nichts raten“, sagte Roland resigniert. „Das geht nur dich etwas an. Aber wenn du solche Dinge durchziehst, dann behalt sie auch für dich. Ehrlich gesagt, möchte ich nicht damit hineingezogen werden.“
Er hatte natürlich Recht, das wusste Sarah. Sie hatte kein Recht darauf, andere mit dieser Angelegenheit zu belasten. Die Gesetze sind, wie sie sind und es war ihre ganz eigene Entscheidung, ob sie diese umgehen wollte.
„Ich sehe keine andere Möglichkeit“, sagte Sarah zermürbt. „Ich will dem Kind das Leben ermöglichen, auch wenn es ein Handicap zu tragen hat. Es ist in dieser Gesellschaft nicht mal etwas Schlechtes. Selbst wenn das Kind nicht getötet würde, es wäre immer unter Generalverdacht. Doch mit einer Behinderung…ja, mit der würde es ihm bessergehen. Es wird in entsprechende Programme kommen durch die Quote, eine gute Ausbildung erfahren. Ja, es hat die Chance, auf ein gutes Leben. Mein Kind wird gut leben und wenn der Preis darin besteht…ob ich als entehrt dastehe, ist mir gleich. Sie können meinen Social Score reduzieren wie sie wollen, ein behindertes Kind werden sie aber nicht bestrafen.“
Sarah kippte sich den Rest ihres Rums die Kehle hinab, verabschiedete sich von Roland und verließ die Wohnung.

Beitragsbild von Gerd Altmann by Pixabay

2 Kommentare zu „Sarahs Entscheidung

Gib deinen ab

    1. Vielen Dank für das Feedback. Freut mich sehr. Ich finde auch ,dass das Thema Identitätspolitik und Rassismus durch Anti-Rassisten wirklich wichtig ist. Deshalb habe ich auch jetzt das neue Buch von Hamed Abdel-Samad vorgestellt, das durchaus reflektierte Gedanken dazu aufweist.

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