Buchvorstellung: Kuckuckskinder

Der Name John Carpenter sorgt dafür, dass der 90er Horrorfilm „Village of the damned“ durchaus bekannt ist, wenngleich das Werk nicht sonderlich gut ankam (ich finde auch, dass er einer der schwächsten Carpenter ist). Weniger geläufig ist, dass es sich dabei um ein Remake eines Filmes aus den 60ern handelt und dieses Original die Verfilmung eines Buches von John Wyndham ist. Genau dieses Buch möchte ich euch nun vorstellen.

Worum geht es?

Der Roman spielt im kleinen, beschaulichen Dorf Midwich, in dem die Bewohner in einer festgefahrenen Gemeinde leben und in der Fremde bereits argwöhnisch betrachtet werden. Jeder kennt jeden. Und eigentlich ist der Ort das Sinnbild für Ereignislosigkeit und Mittelmaß. Doch eines Tages geschieht etwas Seltsames. Alle Dorfbewohner fallen in einen tiefen Schlaf. Als sie wieder aufwachen, sind die Frauen, die sich im gebärfähigen Alter befinden, aus mysteriösen Gründen schwanger, wobei schon bald die Vermutung im Raum steht, dass es sich um keine natürlichen Schwangerschaften handelt, sondern dass die Kinder in den Mutterleib implantiert wurden. Die Babys, die schließlich zur Welt kommen, sind innerhalb ihrer Gruppe nahezu identisch und unterscheiden sich deutlich von herkömmlichen Neugeborenen. Sie weisen andere physische Gegebenheiten auf – vor allem die gelb-goldenen Augen sind auffällig. Außerdem entwickelt sich bei allen wasserstoffblondes Haar. Und noch etwas macht sich rasch bemerkbar: Die Säuglinge scheinen bereits sehr früh einen eigenen, sehr starken Willen zu entwickeln und sind in der Lage, durch ihre telepathischen Fähigkeiten die Menschen zu steuern. So halten sie etwa ihre Mütter zurück, wenn diese das Dorf verlassen möchten. Es wird einem kleinen, gebildeten Teil der Dorfgemeinschaft klar, dass man es nicht mit Menschen zu tun hat, sondern mit höher entwickelten Wesen aus einer anderen Welt mit unvorstellbarer mentaler Stärke, die quasi als Kuckuckskinder den menschlichen Wirten untergejubelt wurden. Selbstverständlich werden diese Mutmaßungen jedoch geheim gehalten.

Trotz des Unmuts der Midwich Bewohner ziehen die Eltern, vor allem die Mütter, die Kinder zunächst normal auf. Doch mit zunehmendem Alter distanzieren sich diese immer mehr von ihren Erziehern und beschließen, sich vornehmlich in ihrer eigenen Gruppe zu bewegen. Allein der Dorflehrer vermag es, etwas Vertrauen aufzubauen, ohne jedoch wirklich zu den Kindern durchzudringen. Die ersten Jahre verläuft noch alles friedlich. Doch je älter die Kinder werden, desto aggressiver reagieren sie auf bewusste Feindseligkeiten ihnen gegenüber, aber auch auf versehentlich schadende Handlungen. Da wird ein Unfallfahrer, der einen Jungen ungewollt leicht anfährt, schon mal in den Selbstmord getrieben. Und die normalen Bewohner von Midwich wiederum werden in ihrem zunehmenden Hass auf die Kuckuckskinder bestärkt. So entwickelt sich die Eskalationsspirale.

Bild von Kim Há Quách auf Pixabay

Klassisches Sci-Fi-Motiv, das gelungen mit Ängsten spielt

Wyndhams Erzählung funktioniert zum einen als Sci-Fi-Invasionsgeschichte, die sich an klassischen Elementen orientiert, wie sie H.G. Wells in seinem berühmten „Krieg der Welten“ etabliert hat (der Roman wird auch als eine Art Hommage im Buch genannt). Die Invasion erfolgt hier jedoch von innen heraus, durch die Kinder, die von einem Wirt ausgetragen werden. Durch dieses Story-Element spielt der Autor zudem mit einer ganz bestimmten Angst: Was, wenn der Nachwuchs die Bedrohung ist? Heutzutage ist dieses Szenario sicherlich nichts Neues mehr, gab es über die Jahrzehnte ja zahlreiche weitere ähnlich gelagerte Geschichten. Aber damals, bei der Veröffentlichung im Jahr 1957, war diese Überlegung sicherlich frisch und die Idee hat ohne Zweifel etwas sehr Schauderhaftes. Der Autor vergleicht die Art und Weise, wie die außerirdische Kraft vorgeht, mit dem des Kuckucks (darum auch der Original-Titel „The Midwich Cuckoos“), der seine Eier in das Nest anderer Vögel legt und die fremden Muttertiere die Brutarbeit überlässt. Dieser Vergleich fällt immer wieder in den Dialogen und wird auch in Verbindung mit dem Überlebenstrieb gebracht, der die Motivation dafür ist, wie die Kinder eben handeln, um sich den Übergriffen zu erwehren. Angenehm ist dabei, dass die Erzählweise recht ruhig ist. Große Actionszenen und Gewaltsequenzen werden nicht beschrieben und meist hört man von den Taten der Kuckuckskinder nur über Berichte von dritten. Aber gerade wegen dem unaufgeregten Aufbau entfaltet die Geschichte eine beunruhigende Atmosphäre.

Überleben ist alles

Ein zentrales Motiv des Buches ist das Überleben und die Frage danach, was dabei zulässig ist. Dabei wird herausgestellt, dass das Vorgehen der Kuckuckskinder sich nicht von dem der Menschen unterscheidet. Ging es bei den letzteren in früheren Zeiten um den reinen Lebenserhalt, ging der Überlebenstrieb aber stets mit dem Streben nach Dominanz einher, um die eigene Spezies abzusichern. Da der Mensch physisch schwach ist im Vergleich zu vielen Tieren, was sein Werkzeug sein höher entwickeltes Gehirn. Dieses ermöglichte ihm, die Erde schließlich zu dominieren und das Überleben der eigenen Spezies dauerhaft zu sichern. Worin unterscheiden sich die außerirdischen Kinder bei ihrem Vorgehen? Auch wenn sie Menschen, aber auch Tiere, töten, so tun sie das auch nach eigenem Bekunden stets aus reiner Notwehr. Dem Dorflehrer gegenüber geben sie aber auch klar zu verstehen, dass ihr Streben nach Überleben in Verbindung mit ihrer mentalen Überlegenheit automatisch dazu führen würde, dass sie die Erde dominieren, wenn sich die Menschheit ihrer nicht erwehrt. Es geht hier nicht um Abneigung oder Hass von Seite der Kinder aus, sondern schlicht um die rationale Sicherung des Überlebens. Die Kinder erkennen an, dass sie eine Bedrohung für die Menschheit sind sowie die Menschen eine Gefahr für sie darstellen. Es ist der reine, von Emotionen befreite, Überlebenskampf.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Ein bisschen Moralphilosophie

Im Zuge dieses Aspektes wirft Wyndham auch ein paar moralphilosophische Fragen auf. So stellt der Autor über seine Protagonisten klar, dass eine Regierung bezogen auf einem universalen menschlichen Moralkodex (etwa die Menschenrechte) ihre Legitimation verliert, wenn sie gegen die Kinder vorgeht und diese in ihren Grundrechten verletzt. Es würde in dem Fall auch nicht lange dauern, bis politische Interessengruppen sich für diese bedrohte Minderheit einsetzen und gegen die Regierung agitieren würde. Gleichwohl würde der Fall der Delegitimierung eintreten, wenn der Staat die Bedrohung ignoriert und diese einfach auf die Menschheit loslässt. Was ist nun also das richtige Vorgehen?

Darf und sollte man diese Bedrohung nun eliminieren, vor allem dann, wenn es nicht nur um Staatsinteressen geht, sondern das Wohl der Menschheit auf dem Spiel steht? Handelt es sich bei dem Töten der Kinder tatsächlich um Mord, wenn sie keine Menschen sind oder verhält es sich somit, wie wenn wir einen angreifenden Hund in Notwehr töten? Darf man auch eine ganze Stadt auslöschen, um die globale Gefahr zu neutralisieren, auch wenn dabei Unschuldige getötet werden? Wie weit darf man also gegen Minderheiten vorgehen und dabei auch die Rechte einiger Weniger beschneiden, um das allgemeine Wohl für den Großteil zu sichern? Diese utilitaristischen Fragestellungen werden aufgeworfen.

Zu betrachten ist auch, dass die Kinder irgendwann anfangen, das Leben im Dorf zu regeln und Angst zu schüren. Sie bestimmen mit ihrer mentalen Kraft, wer das Dorf verlassen und betreten darf und gehen bereits gegen größere Ansammlungen vor, da diese die Gefahr bergen, dass daraus ein wütender Mob hervorgeht, der in feindlicher Absicht loszieht. Midwich wird also zu einem diktatorischen Mikrokosmus, was uns zu der Überlegung bringt, ob Freiheit manchmal mit drastischen Mitteln verteidigt werden muss, um diese eben zu bewahren. Zumindest kann man diesen Aspekt der apokalyptischen Geschichte durchaus als Metapher verstehen für Extremsituationen auf politischer, nationaler Ebene.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Durchaus Input zum Nachdenken

Ich persönlich finde, dass all die genannten Thesen durchaus etwas mehr Tiefe brauchen, als wie es auf den kompakten 200 Seiten darzustellen ist. Insgesamt wären bei den Fragen, die sich Wyndham stellt, durchaus mehr möglich, um sie im Detail zu erörtern. Aber grundsätzlich offerieren sich durchaus interessante Gedankenanstöße, die auch heute noch Relevanz haben, da man sie von dieser weltumfassenden Bedrohungslage eben auf staatliche Anliegen herunterbrechen kann. Eine Bedrohung, die von außen eingeführt wird, sich aber dann von innen ausbreitet und falsch verstandene Toleranz gegenüber dieser Gefährdung für das Allgemeinwesen begegnen uns vielerorts. Frankreich und sein massives Islamismusproblem wäre hier zu nennen. Natürlich gäbe es hier ebenso Grund, unsere Werte in Frage zu stellen, wenn sie am Ende als Schwäche fungieren gegenüber einem Aggressor, der eben ein völlig anderes Moralsystem verfolgt und seine Partikularinteressen verfolgt. Gleichzeitig gilt es immer zu hinterfragen, ob der Zweck wirklich alle Mittel rechtfertigt – und vielleicht muss man einfach akzeptieren, dass diese Schwäche der Preis dafür ist, in einer Zivilisation zu leben, die durch geistige Entwicklung und Humanismus entstanden ist. Doch gleichwohl sollten wir uns gewahr werden, dass ein höherer geistiger Stand eben nicht zu den moralischen Standards führen muss, den wir in der westlichen Welt hegen – so wie die Midwich Kinder ja auch nicht agieren, wie sie agieren, weil sie böse sind, sondern nur, weil sie den menschlichen Gepflogenheiten entfremdet sind und bei der Anwendung ihrer Mittel nach einer Moral handeln, die uns wiederum fremd ist.

Zurecht existiert in demokratischen Rechtsstaaten Minderheitenschutz, doch ist dies kein Grund, ein aggressives Allgemeinwesen im Allgemeinwesen zuzulassen, eine Subkultur also, die sich gegen die dominierende Kultur richtet. Doch wie lässt sich das große Gemeinwesen schützen, damit dem Anspruch an die universellen Menschenrechte auch Genüge getan wird? Letztendlich kommen wir hier zu einer philosophischen Endlosdebatte, die wohl nie beendet wird: Utilitarismus vs. Deontologie. Ein Dauerbrenner des geistvollen Diskurses. Abgesehen aber mal davon (und ob ich womöglich überinterpretiere), so funktioniert „Kuckuckskinder“ auf jeden Fall als Sci-Fi-Erzählung mit beunruhigender Prämisse.

Definitiv kann ich das Buch also nur empfehlen. Kennt es jemand von euch? Oder ist zumindest eine der beiden Verfilmungen bekannt?

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