Die Tierhexe

„Das ist alles? Das soll die große Sehenswürdigkeit sein? Ein bisschen mehr habe ich mir schon erwartet.“ Missmutig blickte Aline auf die angebliche Burgruine, die kaum mehr war als ein Steingeröll, aus dem ein mit Ranken übersehener Turm hervorlugte. Als sie im Reiseführer von den Sagen und Legenden aus der Ritterzeit gelesen hatte, hatte dieser Ort noch ganz spannend geklungen. Bereits als Kind konnte Aline sich für solche Erzählungen begeistern, die ihr Großvater ihr immer erzählte, wenn sie gemeinsam zu historisch beflissenen Orten spazierten. Raubritter, mysteriöse Kulte und grausige Mordgeschichten – davon konnte sie nie genug haben. Sehr zum Leidwesen ihres Mannes Tim, der dafür eher wenig empfänglich war.
Seine Hände hinter seinem Kopf verschränkt stolzierte Tim selbstgefällig im Kreis umher. „Ich habe es dir ja gesagt“, sagte er mit spöttischem Unterton. „Bei solchen Käffern gibt es keine gescheiten Burgen. Das ist immer so.“
„Das ist doch gar nicht wahr“, erwiderte Aline. „Es gibt viele verborgene Schätze abseits der großen Touristenziele, die darauf warten, entdeckt zu werden.“
„Nun. Das ist wohl keiner dieser Schätze.“
Aline grummelte vor sich hin. Sie wusste, dass er Recht hatte. Ärgerlich war zudem, dass der Pfad bis hier hin recht beschwerlich war. Zwar ging es nur moderat nach oben, dafür war der schmale Weg derartig dicht von Sträuchern und Unkraut verwachsen, dass ein Vorankommen nur schwer möglich war. Zudem hatten sie beide nur kurze Hosen an, was dazu führte, dass sie die eine oder andere unbequeme Bekanntschaft mit einem der Brombeersträuchern machten, die wild umherwucherten.
„Zecken werden wir auch kriegen“, beklagte sich ihr Gatte mehrmals. Und dennoch hatte er ihr den Gefallen getan und ist mit ihr weitergegangen. Das schätzte Aline an Tim. Auch wenn sein Interesse gegen Null ging – und das tat es häufig – so respektierte er die Neugier, die aus ihrer Leidenschaft resultierte. Vor allem im Urlaub macht er recht viele Dinge mit – wenngleich sie leider nicht so viel unternehmen konnten wie sie wollten mit einem Hund im Haushalt.
„Gut, das war jetzt wirklich unnötig“, gab Aline gekünstelt schuldbewusst zu und fasste ihrem Mann sanft an die Schulter. „Ich mach es heute Abend wieder gut“, hauchte sie ihm ins Ohr.
Der mürrisch-rechthaberische Blick verschwand und wich einem vorfreudigen Grinsen. „Da bin ich gespannt. Es ist auch nicht schlimm. Ein netter Spaziergang war es ja doch und Emil musste ja schließlich raus. Ein Stück sind wir ja noch unterwegs.“
„Apropos. Wo ist denn Emil?“
Tim rief: „Emil! Hier her.“
Einen kurzen Augenblick später kam ihr Aussi-Bordercollie-Mischling hechelnd angewetzt. Aline hatte ihn mit in ihre Beziehung gebracht, ihren treuen Begleiter seit 9 Jahren. Um nichts in der Welt wollte sie ihn missen, auch wenn es hieß, dass sie einstweilen noch auf Urlaub in der Ferne verzichten musste. So gerne würde sie Burgen und Stätten exotischer Länder besichtigen. In eine Pension hätte sie ihre Fellnase allerdings nie gegeben, allein wegen den Kosten, die dort anfallen würden.
„Unser Süßer hat auf jeden Fall viel Spaß“, sagte Aline, während ihr Hund seinen Kopf zwischen ihre Beine steckte und sich wohlig von ihr graulen lies.
„Es ist ja nicht so, dass es nicht schön war. Ein netter Spaziergang ist ja nicht verkehrt. Nochmal etwas Luft tut uns sicher gut. Und der Besuch in der Tropfsteinhöhle heute war doch zumindest gelungen.“
„Ja, es war ein schöner Tag.“ Aline verwarf ihre Enttäuschung endgültig und lächelte Tim an. „Was machen wir aber nun? Gehen wir noch etwas weiter? Oder kehren wir um?“
Tim sah auf seine Uhr und dann zum Himmel, der zwar bewölkt, aber nicht finster war. Durch einige Risse der grauen Decke fielen sporadisch ein paar Sonnenstrahlen herab. „Nun, wir haben noch etwas Zeit, bis es dunkel wird und so lange ist der Rückweg ja nicht mehr. Und ich glaube auch nicht, dass es regnet. Wenn wir jetzt schon hier sind, dann können wir gerne noch ein Stück weitergehen. Was meinst du Emil?“
Als hätte Emil ihn verstanden, gab er ein kurzes Bellen von sich und lief wieder ein Stück voraus. Aline und Tim folgten ihm. Sie ließen die Lichtung mit den Trümmern hinter sich und folgten dem staubigen Waldweg weiter. Er führte eine von Buchen und Linden gesäumte Serpentine steil hinab, teilweise als Schräge, dann wieder abgestuft über mächtige Wurzeln, die sich wie fette Schlangen über den Erdboden windeten. Nach einem zerfurchten Abstieg ebnete der Weg sich wieder, als sich der Baumreigen gleichzeitig etwas lichtete. Entlang einer Felswand, von der ein Sims abstand und den Waldpfad in Schatten tauchte, begegnete ihnen ein älterer Herr. Er saß auf einem moosigen Felsen und machte den Anschein, als hätte er sich gerade verausgabt. Aline dachte daran, dass sie bislang ziemlich alleine unterwegs gewesen waren. Um genauer zu sein, war der Mann der erste Mensch, dem sie über den Weg liefen, seit sie vom Parkplatz aufgebrochen waren. Sie rief ihren Hund zurück und ins „bei Fuß“.
„Einen guten Tag“, begrüßte sie der Mann keuchend. Vom Nahen sah man, wie sein Gesicht in Schweiß förmlich gebadet war.
„Guten Tag“, antwortete Tim, gefolgt von: „Eine kurze Frage. Können Sie mir sagen, wohin dieser Weg noch führt.“
„Der Weg, der geht noch ein gutes Stück weiter, etwa eine halbe Stunde bis zur Wiese am nächsten Dorf“, antworte der Alte. „Da komme ich gerade her. Mache meinen täglichen Rundweg. Ihr kommt von der Ruine?“
„Ja, wir wollten sie anschauen, meiner Frau zuliebe.“
„Ich interessiere mich für Burgen“, ergänzte Aline. „Aber so besonders ist es jetzt nicht.“
Der Mann gab einen verständnisvollen Blick von sich. „Da haben Sie Recht. Die Gemeinde macht den Schutthaufen größer, als er ist. Dafür gibt es aber auch sonst viele schöne Wanderwege.“
Tim erwiderte: „Wir waren ja eh auf der Durchreise und sind zufällig vorbeigekommen. Jetzt gehen wir halt noch eine Runde mit unserem Hund.“
„Ein schönes Tier. Wie heißt er?“
„Emil.“
Der Mann nickte. Dann stand er auf. „Ich werde mal weiter. Wenn Sie aber doch noch etwas entdecken möchten, etwas, das jetzt in keinem Reisebegleiter steht, dann empfehle ich Ihnen einen Abstecher zum Hexenhaus.“
Aline wurde hellhörig. „Hexenhaus? Was ist das?“, fragte sie wissbegierig.
„Nun“, sprach der Mann, „vor langer Zeit hat hier eine Frau gelebt, die als Hexe galt. Ungemütliches Weib. War eine Ausgestoßene. Man hat sie für zahlreiche Übel verantwortlich gemacht, die über das Dorf kam. Zahlreiche Gräueltaten soll sie zu verantworten haben. Aber man konnte sie nie fassen. Immer wenn Offizielle oder ein Mob sie ergreifen wollten, war sie nicht da. Und doch sah man immer wieder Lichter von ihrer Hütte her brennen und man hat unheimliche Geräusche gehört. Das waren die Erzählungen. Das ging über Jahre so, bis man die Frau tot vorfand. Sie wurde verbrannt und die Asche irgendwo entsorgt. Das Haus blieb stehen und ungenutzt. Es heißt aber, dass der Geist der Hexe noch immer umherspukt.
„Das klingt aufregend“, sagte Aline.
„Nein, klingt es nicht“, warf Tim ein, der innerlich seine Augen verdrehte. Er war stets aufs Neue darüber fasziniert, wie seine Frau in diesen Dingen noch wie ein Kind war – diese ungestüme Art, mit der sie auf Volkserzählungen und Aberglauben ansprang. Da reichte tatsächlich irgendein Fremder im Wald aus, um diese Glut in ihr zu entfachen.
„Das Haus ist nicht weit weg von hier“, beteuerte der Mann. „Gehen Sie noch ein Stück weiter bis zur nächsten Abzweigung und folgen Sie dann keinem der Hauptwege, sondern nach rechts querfeldein. Orientieren Sie sich ein bisschen an den Felsen. Dann kommen Sie ganz schnell da hin. Es ist ein faszinierendes Haus.“
„Können Sie noch mehr über diese Hexe erzählen“, fragte Aline. Ihre Neugier war von den Zügeln gelassen und ungebremst.
„Es heißt, sie war eine finstere und sehr böse Frau. Elisabeth hieß sie. Sie soll das Wasser vergiftet und Kinder verspeist haben. Eine Besonderheit gab es jedoch. Normalerweise sagte man Hexen ja auch zu, sich am Vieh zu vergehen und Tieren zu schaden. Diese tat dies nicht. Im Gegenteil. Es hieß, dass sie sich für Tiere einsetzte und vor allem die bestrafte, die ihnen etwas Böses antaten. Daher nannte man sie landläufig auch die Tierhexe. Besonders liebte sie es, Menschen, die sich an Tiere vergangen haben, in den Wahnsinn zu treiben, ihnen den Verstand zu rauben.“
„Die klassischen Hexengeschichten, die bereits die Inquisitoren verbreitet haben“, sagte Tim ohne den Zweifel mit seinem Ton zu verbergen. „Und dieses Mal mit Öko-Botschaft“, stichelte er.
„Ach bitte Tim. Wenn wir schon da sind. Gehen wir da noch hin und dann zurück. Dann war es doch ein ausgiebiger Spaziergang. Bitte.“
Ihr Mann grummelte argwöhnisch: „Also gut.“
Der älter Herr setzte sich in Bewegung. „Das können Sie ja noch besprechen. Ich mach mich dann mal auf. Habe noch ein gutes Stück vor mir. Einen schönen Tag noch.“
„Ihnen auch.“
Der Mann joggte hinfort.
Emil war immer ungeduldig, wenn ein Spaziergang unterbrochen musste. Auch während der Unterhaltung mit dem alten Herrn hatte er schnell zum fiepen angefangen. Umso euphorischer rannte er los, als es weiterging. Aline ging immer wieder das Herz auf, wenn sie ihren vierbeinigen Schatz so ausgelassen toben sah.
„Wenn wir es aber nicht gleich finden, kehren wir um“, sagte Tim, der einen Stein hinwegtrat.
„Versprochen.“
Die nächste Abzweigung, von der ihnen erzählt wurde, erreichten sie schon bald.
„Das wäre es“, merkte Tim an. „Was hat der Alte dann noch gesagt?“
„Ich glaube, er meinte, dass wir uns an den Felsen orientieren sollten.“ Aline zeigte etwas schräg den mit Laub und Geäst bedeckten Hang hoch. Der Boden ging nach dem ersten erdigen Aufstieg in felsiges Terrain über. Etwas erhöht erstreckte sich die nackte Felswand starr nach oben, wie abgeschliffen.
„An den Felsen sollten wir uns orientieren.“
„Du willst da wirklich hoch?“. Tim warf seiner Frau einen lustlosen bis genervten Blick zu. „Für so ein popliges Haus, wo eine alte Schachtel gelebt hat, die man der Hexerei verdächtigte? Das ist nicht mal eine außergewöhnliche Story.“
Aline zögerte. Vielleicht hatte er Recht. Der Hang sah ungemütlich aus und wer wusste, wie es oben weiterging. Nicht dass sie sich im Dickicht verliefen. Das würde Tim endgültig den letzten Nerv rauben und auch wenn er stets Geduld mit ihr bewies, so wollte sie diese doch nicht provokant ausreizen.
Sie seufzte. „Na gut. Kehren wir um.“
„Ist besser so. Fahren wir heim und machen wir uns dann noch einen gemütlichen Abend.“
Einmal mehr war den beiden entgangen, dass ihr Hund einen größeren Bogen geschlagen und außer Sicht war, was ihnen nun auffiel.
„Schon wieder weg“, merkte Tim an. „Du musst besser auf dein Haustier aufpassen.“
„Auf unser Haustier.“
Aline schrie nach Emil, aber er kam nicht. Tim stimmte in den Ruf mit ein und beide schrien sie nach ihrem Rüden. Der Hund blieb verschwunden. Normalerweise hörte er sofort. Sie versuchten es noch mit einem Pfiff. Vergeblich.
„Verdammt, nicht das er eine Fährte aufgenommen oder was entdeckt hat.“ Tims Besorgnis wurde einen kurzen Moment später bestätigt, als sie ein wildes Bellen durch den Wald hallen hörten. Der Lärm kam von der felsigen Steile herab.
„Emil!“. In ihrer Aufregung schoss heiße Glut durch Alines Adern. Als das Bellen immer schriller wurde und zu einem Quietschen und Jaulen überging, begann ihr ganzer Körper zu zittern.
Tim rief noch einmal und wartete. Wieder kein Hund in Sicht. Ein weiterer Versuch. Das gleiche Ergebnis.
„Tu etwas“, fuhr sie Tim an.
„Was soll ich…“ Als er sah, wie aufgelöst sie war, stoppte er. Konnte er ihre Aufregung verübeln? Emil war noch nie weggelaufen.
„Warte, ich sehe kurz nach.“
Aline stand starr an Ort und Stelle und beobachte, wie sich ihr Gatte über Geäst und Fels nach oben kämpfte. Hoffentlich ist da nichts Schlimmes vorgefallen, dachte sie sich, lass Emil bitte kein Reh gerissen haben oder sich verletzt haben.
Tim erreichte die Spitze des Aufstiegs. „Ich sehe nichts!“, rief er ihr zu.
„Schau weiter?“, krächzte Aline. Hätte sie Emils Bellen vernommen, hätte sie vielleicht ein bisschen Erleichterung verspürt. Doch nach dem schrillen Aufschrei des Tieres blieb es beängstigend still. Murmelnd flehte sie vor sich her, dass ihrem Liebling nichts geschehen war.
„Ich kann mich nicht orientieren!“, gab Tim von sich, während er oben unruhig hin und her stampfte. „Keine Ahnung, wo er hin ist.“
„Warte, ich komme auch hoch“, sagte Aline, wohl deutlich zu leise, denn Tim antwortete: „Was?“
Er erkannte aber, was sie vorhatte, denn sogleich wies er sie an, unten zu bleiben. Stattdessen schritt er wieder herab.
„Was machst du?“, fragte sie ihn.
„Ich kann nichts machen. Ich habe keine Ahnung, wo er hin ist.“
„Wir müssen ihn suchen.“ Entgeistert blickte Aline ihn an, entsetzt darüber, dass er so schnell aufgab. „Du willst ihn nicht suchen? Vielleicht ist er verletzt?“
„Ich will ihn nicht zurücklassen. Aber ich weiß auch nicht, wo wir hier ansetzen können. Sein Bellen kann ja auch umhergehallt sein und von sonst wo herkommen.“
„So weit kann er ja doch nicht weg sein. Wir müssen ihn suchen.“
Aline wurde immer erregter. Ihr Atem war schwer. Wie konnte er so gefühllos sein? Er konnte es doch auf sich nehmen, einmal in das Unterholz zu sehen, um ihren Liebling zu suchen. Eine Träne rann Alines Wange herab. Tröstend nahm Tim sie in den Arm. „Alles wird gut, sprach er ihr gutmeinend zu. Wir werden ihn wiederfinden. Andere Hunde sind auch schon weggelaufen und kamen wieder.“
Seine Worte bewirkten wenig. Aline stieß ihn ruckartig weg und schüttelte ihren Kopf. „Aber wie er gequietscht hat und jetzt ist alles so ruhig. Es muss etwas passiert sein. Ich habe solche Angst um unseren Kleinen.“
So standen sie beide hilflos da und blieben stumm. Aline ließ sich auf den staubigen Boden fallen und legte ihre Stirn in die Hände. Sie fragte sich, ob Tim auch darüber sinnierte, was die beste Lösung wäre. Sollten sie Emil irgendwo als vermisst melden? Immerhin war er zudem gechipt. Fall er jemandem zulaufen sollte, wäre es also ein Leichtes, ihn wieder nach Hause zu bringen.
Tim schnaufte auf. „Also gut“, sagte er. „Ich geh nochmal auf die Suche. Bleib du hier. Ich werde mich oben mal umsehen. Den Weg zurück werde ich schon finden.“
„Danke“, seufzte Aline. Dabei schaute sie ihn aber nicht an, so als wollte sie demonstrativ ihr tränenverhangenes Gesicht verbergen. Sie machte sich Vorwürfe und verfluchte sich, warum sie nicht achtsamer war. So viele Jahre ohne Vorfall und dann das. Sie wollte sich Hoffnung einreden, dass Emil jeden Moment wieder angestürmt kam, doch der unbändige Pessimismus, der sie ergriff, war zu stark. Sie wartete und wartete und rechnete jeden Moment mit einem Zeichen von Tim, das allerdings ausblieb. Die Zeit verging. Durch die Baumkronen fiel der rötliche Schein der Abendsonne herab und eine kühle Brise kam auf. Die Dämmerung stand unmittelbar bevor. Wie lange würde es noch hell sein? Aline hatte dafür überhaupt kein Gefühl. Aber, dass sie nicht mehr allzu lange hier bleiben konnte, wusste sie. Es war ihr klar, dass es zwecklos war, bis in die tiefe Nacht an diesem Ort zu verharren. Sie mahnte sich zur Gelassenheit und unterdrückte alle Befürchtungen zeitweilig. In diesem Moment der Klarheit beschloss sie, dass es in der Tat das Beste wäre, erst einmal zurück zum Auto zu gehen und Emil als entlaufen zu melden. Sofort würde sie zudem Aufrufe im Internet starten. „Wir finden dich wieder, mein Lieber“, sprach sie sich zu und ein Ansatz von Optimismus keimte in ihr auf. Allerdings nur kurz. Als weitere Zeit verging – wie viel, konnte sie kaum sagen – war ihr bereits erneut mulmig zu mute. Nun war auch Tim weg und er kehrte einfach nicht zurück. Und so wie Aline es durch die Baumwipfel erkennen konnte, musste die Sonne bereits vollständig hinter dem Horizont verschwunden sein. Nicht lange dürfte es mehr dauern, wie sie ihren Schein vollends mit sich nahm.
„Wo bleibt er bloß“, zischte Aline verunsichert. Sie stand auf und starrte desorientiert den Abhang hinauf in Erwartung, dass ihr Mann und ihr Hund gemeinsam über die Schwelle traten und sie den Rückweg antreten konnte. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Also marschierte sie los, den Hügel hinauf. Vielleicht konnte sie ein paar Spuren ausmachen, wohin Tim gegangen war. Zu weit wollte sie sich aber auch nicht entfernen. Am Ende verpassten sie sich noch.
Beim Aufstiegt stellte sich Aline leicht unbeholfen an. Als sich in ihrem Kopf die Gedanken so überschlugen hatte sie kaum ein Auge für die Beschaffenheit des Untergrunds. Einmal rutschte sie auf einem Blätterhaufen aus, ein anderes Mal wäre sie beinahe über einen Stein gestolpert. Reiß dich zusammen.
Sie erreichte die obere Ebene. Außer noch mehr Bäume und Felsen war nichts zu sehen. „Tim!“, rief sie. „Emil!“. Ihr Ruf diente mehr dazu, die Stille zu vertreiben, als dass sie wirklich eine Antwort einforderte. Ein Schauer überkam sie. Resultierte die Gänsehaut auf ihrem Arm aus ihrer Furcht oder der Kälte? Die Böen nahmen zu, ließen die Äste erzittern und das Laubwerk rascheln. Sie umfingen Alines Arme und Gesicht mit einem kalten Hauch. Wie das Heulen eines Gespenstes jagte der Wind durch die Wälder. Aline kam es vor, als lag ein Flüstern darin, das ihr etwas mitteilen wollte. Aber das war wohl nur Einbildung, eine Phantasmagorie, die ihr, aufgewühlt wie sie war, einen Streich spielte. Sie fühlte sich so alleine, als wäre sie der einzige Mensch auf Erden.
Ziellos wandelte die einsame Frau umher, während die Umgebung um ihr herum verschwamm. Sie wusste, dass es logischer gewesen wäre, noch zu warten, aber der Drang, etwas zu unternehmen, war zu groß. Sie wollte nicht einfach nur dasitzen und darauf warten, dass irgendetwas geschah. Die Bäume verdichteten sich. Das Licht schwand und letztendlich vollzog sich die Dämmerung zur Gänze. Die Baumkronen waren nur noch Konturen, der Boden versank im Dunkel, was den Weiterweg zum Spießrutenlauf machte. Wie gierige Hände aus einer anderen Welt griffen die Dornensträucher aus der Schwärze nach dem Menschlein, dass so desorientiert umherwandelte, völlig verängstigt und verwirrt. Die Bäume schienen mit ihren Ästen auf die Fremde zu zeigen, als würden sie sie auslachen und verspotten. So schnell hatte sich das Antlitz des Waldes gewandelt. Ein idyllisches Plätzchen wurde zum Ort des Grauens.
Schließlich musste sich Aline eingestehen, dass sie sich verirrt hatte. Ihr war kalt. Die Tränen auf ihrem Gesicht gefroren und brannten auf ihrer Haut. Dabei konnte die Luft doch kaum so kalt sein im Augst. Ihre Beine schmerzten. Der letzte Funken Mut war erloschen. Kurz bevor sie glaubte, dass ihre Energie vollständig entwich, vernahm sie ein Geräusch. Es war ein Knurren. Es klang zumindest wie das Knurren eines… ja, eines Hundes – oder war es das wirklich? Aline hielt inne und lauschte. Der Laut war eindeutig. Da knurrte jemand und es klang wie ein Hund. Oder wie ein Wolf? Aber Wölfe gab es hier doch nicht. Und wenn, dann wäre sie doch längst aus dem Hinterhalt angefallen worden. Sie tastete sich durch die schemenhafte Umgebung in die Richtung aus der das Geräusch herkam. Die Baumreihen lichteten sich und ein fahler schein senkte sich herab. Sie konnte jetzt sehen, dass der Mond bereits ganz oben stand. Wie lange war sie umhergewandelt? Wie einen doch jegliches Zeitgefühl verlassen konnte.
Aline gelangte auf eine kleine Lichtung. Die Umrisse eines Gebäudes taten sich von ihr auf. Es war ein kleines Haus. Sie trat näher und erkannte es deutlicher: Es war ein Haus – oder besser gesagt eine kleine Hütte. Sie wirkte verlassen. Über ihren Zustand konnte Aline bei den Lichtgegebenheiten nichts sagen. In einen guten Zustand konnte das Gebäude allerdings nicht sein. Es musste sich dabei um das Hexenhaus handeln. Dafür war sie doch recht lange unterwegs gewesen. Der alte Mann hatte sie entweder angelogen, was die Stecke anging oder sie hatte in ihrer Planlosigkeit ein paar Extrarunden gedreht, bevor sie den richtigen Weg beschritt. Der Anblick des Hauses flößte ihr eine gewisse Ehrfurcht ein, auch wenn es kaum etwas Besonderes war. Nun war auch das Knurren ganz nah, dran von der Seite her. Alines nahm eine schattenhafte Gestalt war, die unweit des Hauses stand. Es war ein Tier. Es war…war er es? Ja, er musste es sein. Emil! Oh, mein lieber Emil. Aber was machte er da?
„Hey, mein kleiner“, sprach Aline ihm säuselnd zu in der Kinderstimme, mit der sie immer mit ihm redete. Aber er ignorierte sie. Sie trat langsam näher. Nur stockend, seine Reaktion abwartend. Vielleicht war ihr Liebling noch immer aufgeregt. Sie wollte es dann nicht riskieren, ihn zu vertreiben. Auf ihren Zuruf reagierte er jedenfalls nicht. Sie sah, dass sich das Tier über etwas gebeugt hatte. Es war kaum zu erkennen, was es war – auf jeden Fall länglich. Emil machte sich mit seinem Maul daran zu schaffen. Er zerrte daran – zumindest das ließen die Lichtverhältnisse zu, zu erkennen. Er schmatzte, knurrte und fiepte. Hatte er einen Kadaver entdeckt? Aline setzten den nächsten Schritt und noch einen. Sie sprach Emil ein weiteres Mal zu. Noch immer keine Reaktion. Erst zögerte sie, doch dann ging sie das Wagnis ein und stampfte entschlossen auf ihr Haustier zu. Sie musste sehen, was wer da machte und vielleicht konnte sie ihn an seinem Halsband packen. Die Leine hatte sie leider nicht dabei.
Sie befand sich nun in nächster Nähe zu dem Hund, als ihr die schreckliche Erkenntnis kam. Ihr Atem stockte und all die beängstigenden Gefühle, die sie bis dahin erfassten, war nichts im Vergleich zu dem Grauen, das sie erfasste, als ihr gewahr wurde, an wem sich Emil verging. Es handelte sich in der Tat um einen Kadaver, aber nicht um den eines Tieres. Es war Tim. Leblos lag er im Dreck. Das frische Blut, das aus zahlreichen derb aufgerissenen Wunden floss, glänzte im fahlen Mondschein. Emil leckte darin herum und verlustierte sich an dem Fleisch.
Alines erster Reflex war heftiger Würgereiz, dem sie reuelos nachkam. Ihre wie Zahnstocher gebrechlichen Beine gaben unter der Last der entsetzlichen Wahrheit nach und ließen sie auf die Knie sacken. Ein Schluchzer der Verzweiflung entfuhr ihr. Oh nein, mein Tim. Das kann doch nicht wahr sein. Warum widerfährt mir so ein Alptraum?
„Lass“, fauchte sie das Tier an. „Geh weg von ihm, du Köter.“ Der Hund ignorierte sie und fraß unbeirrt weiter. Erst als eine geheimnisvolle Stimme ertönte, lies er von Tims Körper ab und wandte seinen Kopf zum alten Haus. Es war eine kalte, grausame Stimme, die sprach und die Aline das Blut in den Adern gefrieren lies. Sie sah in die Richtung, in die Emil mit seiner Schnauze deutete. Eine finstere Silhouette bewegte sich schlürfend durch die Tür in Richtung der beiden. Sie sprach erneut, doch Aline konnte nicht verstehen, was. Es handelte sich um eine unbekannte Sprache. Was sie aber erkannte, war, dass die Stimme weiblich war. Jede Silbe, die die Gestalt hervorbrachte, schnitt sich wie eine Scherbe in Alins Seele. Es fühlte sich an, als würde ihr ein Stück Menschlichkeit entnommen werden. Der Schmerz in ihr war unerträglich.
„Wer bist du?“, fragte Aline zitternd, gerade dass sie überhaupt noch ein Wort hervorbrachte. Sie erhielt keine Antwort. Die Gestalt streckte – soweit es Aline erkennen konnte – ihren Arm aus. Emil fasste dies als einen Befehl auf und trottete stumm auf die schwarze Erscheinung zu. Beide gingen zurück ins Haus. Aline blieb verlassen zurück an den Überresten ihres Liebsten. Sie brach in Tränen aus und stieß einen Urschrei in die Nacht hervor. Dann hörte sie erneut diese eisige Stimme, nun aber in verständlichen Worten: „Verschwinde. Und möge dich der Wahnsinn nie wieder loslassen.“ Es war, als hätte sich direkt in ihrem Gehirn festgesetzt und sprach von innen heraus zu ihr, als hätte sich eine zweite Persönlichkeit in ihr entwickelt, die ungefragt ihre Gedanken in Alines Geist fließen lies. Die gebrochene Frau hievte sich auf und rannte schreiend zurück in das Dickicht. Sie wollte nur weg von diesem unheilvollen Haus, ganz egal wo hin. Sie raste und lies sich von den Ästen Peitschen, rannte gegen Baumstämme und Felsen. Doch die Schmerzen bemerkte sie ihn ihrem katatonischen Zustand nicht mehr.
Dann stieß sie gegen etwas Weiches. Jemand packte sie an den Schultern. Aline kreischte irrsinnig und wandte sich wie ein Wurm an der Angel. Sie schlug um sich, biss, keifte und spuckte. Eine vertraute, warme Stimme sprach zu ihr. Sie brauchte eine Weile, bis sie sie erkannte. Es war Tim. Wie war es möglich?
„Hey, beruhig dich“, mahnte Tim, während er ihre Arme festhielt, um eine weitere Salbe an Schlägen zu verhindern. „Beruhig dich“, wiederholte er. „Was ist los?“
Alines Kräfte ließ nach ihrem Stakkato der Raserei nach. Sie akzeptierte die Erschöpfung und schmiegte sich mit schlaffen Muskeln an Tims Brust.
„Wie ist das möglich?“, fragte sie. Tränen des Grauens und der Verzweiflung wichen denen unendlicher Erleichterung. „Ich hatte solche Angst“, schniefte sie.
„Was ist den passiert“, fragte Tim. „Und verdammt, wo bist du gewesen. Warum hast du dich überhaupt hier herumgetrieben? Ich habe doch gesagt du sollst warten. Ich habe dich ewig gesucht und es war nur Glück, dass ich dich gefunden habe.“
Aline brauchte zwei Anläufe, um den Knoten in ihrem Hals zu lösen. Dann erzählte sie, was sie gerade eben erlebt hatte. Sie erzählte, wie sie Tim hat tot liegen sehen und wie ihr Hund seinen Leichnam gefressen hatte. Sie erzählte von der mysteriösen Gestalt, die Emil mit in das Hexenhaus nahm und wie Aline danach blindlings die Flucht gesucht hatte.
Tim wusste zunächst nicht, was er darauf antworten sollte. Seine Frau musste den Verstand verloren haben.
„Was redest du da?“, fragte er verwundert. „Bist du wahnsinnig geworden?“ Nach schmeichelnden Worten war ihm nicht der Sinn, dazu war ihr Verhalten zu absonderlich.
„Du weißt doch. Ich bin kurz weggegangen, um…naja, um Emil zu töten. So wie wir es ausgemacht haben. Weißt du nicht mehr? Wir waren uns doch einig, um wieder mehr Zeit für uns zu haben. Du hast den Hund doch auch nicht mehr ertragen, weil du alles nach ihm planen und auf so viel verzichten musstest.“
Was redete er da? Aline schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein“, wisperte sie. Sie wusste nicht, was mehr wog. Die Freude darüber, dass Tim noch lebte oder der Schock darüber, was er ihr hier erzählte. „Was erlaubst du dir für einen schlechten Scherz?“, fragte sie.
Tim musterte fest ihre Augen, die wie bei einem verschrecken Reh weit aufgerissen waren. Sie ist tatsächlich irre geworden, dämmerte es ihm. Sie schien überhaupt keine Ahnung mehr von dem zu haben, was sie heute Abend getan hatten. Womöglich war sie gestürzt und hat sich den Kopf gestoßen. Eine andere Erklärung hatte er nicht parat.
„Sag, wo ist mein süßer Emil“, schniefte sie.
„Ich sagte es dir schon. Ich habe ihn getötet. Du wolltest es doch auch so. Es war besser für alle. Wir haben mehr Freiheit für uns und er muss den Schmerz nicht erdulden, wenn wir ihn weggeben. Wir haben ihn gleich die Ruhe gegeben. Es war doch so ausgemacht.“
„Nein. Nein. Nein. Das kann nicht sein. Wir haben einen schönen Spaziergang gemacht. Hatten Spaß. Es war so ein schöner Tag.“
„Wir sind extra an diesen abgelegenen Ort gefahren, nur um es zu erledigen. Erinnerst du dich denn überhaupt gar nicht mehr?“
„Wir hatten Spaß und Emil ist abgehauen. Du hast ihn gesucht.“
„Das ist so gar nicht passiert. Weib, was ist in dich gefahren?“ Tim wurde lauter, sein Ton war irgendwo zwischen Ärger und Furcht angesiedelt. Hilflos schüttelte er Aline. Warum, wusste er auch nicht. Er war mit alledem überfordert. Wie sollte er sie zur Vernunft bringen?
„Komm“, sagte er. „Wir gehen jetzt erst mal zum Auto zurück. Ich kenne noch ungefähr den Weg.“
„Nein!“, blaffte Aline ihn an und riss sich von ihm fort. Kochende Wut schoss durch ihre Adern. „Du Monster. Mit dir will ich nicht weg. Du hast meinen Hund ermordet.“
„Du wolltest es doch auch!“ Diese hohle, dumme Kuh. Sie macht mich verrückt. „Seit wir hier sind, haben wir doch über nichts anderes geredet und du warst dir auch sicher.“
„Daran würde ich mich doch erinnern. Nein, du hast ihn getötet. Du warst es. Mein süßer, kleiner Emil.“
Tim zerzauste sich erschöpft das Haar und wandte ihr den Rücken zu. Was sollte er machen? Es bliebt nur noch die Option, sie mit Gewalt zurück zu schleppen und zu hoffen, dass ihr Verstand sich wieder erholen würde.
„Also gut…“ Bevor Tim seinen Satz vollenden und sich der durchgeknallten Frau wieder zuwenden konnte, spürte er bereits den harten Stoß, der ihn zum Straucheln brachte. Der Schubser kam unerwartet und Tims Reaktion zu langsam. Halten konnte er sich nicht mehr und so fiel er zu Boden. Das letzte, was er spürte, war der kurze Schmerz, der durch seinen brechenden Schädel zuckte, als dieser am Felsen aufdonnerte.
Als Aline dämmerte, was sie getan hatte, fiel ihre Seele endgültig in Trümmern. Und genauso sackte ihre Körper zusammen. Schwer atmend lag sie am Boden.
„Keine Sorge“, sprach die kalte Stimme in ihrem Kopf. „Sterben wirst du nicht. Morgen wirst du gefunden. Du wirst zurückgebracht. Und du wirst dein Leben weiterleben. Alleine und mit einem ewigen Schatten im Verstand.“

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