Gnadengesuch in der Hölle – Satan im Dialog mit Jesus und Mohammed

Es war ein Tag wie jeder andere in der Hölle. In seinem schreckenerregenden, von zornigen Flammen umgebenen Thronsaal residierte Satan, um Seelen zu verdammen und stets neue Martern für sie zu erfinden – und von Zeit zu Zeit auch, um sie zu begnadigen. Heute war einer dieser Tage, an dem der Höllenfürst darüber nachdachte, Gnade walten zu lassen. So wurden ihm einige Bittsteller angekündigt und bereitwillig gewährte er ihnen eine Audienz. Einer nach dem anderen traten sie ein und trugen ihr Plädoyer vor, warum sie das Recht darauf haben sollten, das Reich der Qualen zu verlassen. Gezeichnet von der Ewigkeit in Schmerzen waren sie, gebrochen und in gefangen in katatonischer Desillusionierung. Es war ein köstlicher Anblick. Die meisten vermochten keine ausreichenden Argumente dafür vorzulegen, warum man ihre Seelen in die Erlösung entlassen sollte. Die Sklaven der Hölle wimmerten und winselten, beteuerten, dass sie alle ihre Taten bereuten und flehten mit einer Inbrunst, wie sie in ihrer Dramatik kein Epos der menschlichen Literatur darlegte. Sie sprachen davon, alles zu tun, was man ihnen sagte, um sich von ihrem Martyrium zu befreien. Satan lachte ob dieser Einfalt. Gerade einmal eine Seele war es an diesem Tag, die ihn überzeugte und die das Recht auf Freiheit gewann. Nach ihr trat der letzte Bittsteller ein bzw. waren es zwei, die ihre Argumente gleichzeitig darlegen wollten und da es sich nicht um irgendwelche Seelen handelte, wollte der Herrscher der Verdammnis einmal nicht so ein und ihnen die Ausnahme gewähren, zur selben Zeit bei ihm vorzusprechen.

Satan: Jesus. Mohammed. Wie lange habe ich euch erwartet, bis ihr vor mir steht und euch in Demut übend vor meiner Pracht verteidigt. Was habt ihr mir zu sagen?

Jesus: Oh Satan. Mächtiger Satan. Wir treten an dich heran, um dich um Gnade zu bitten. Bitte erlöse uns von dieser Pein. Seit Jahrhunderten darbe wir in deinem Reich und lassen diese Qualen über uns ergehen. Haben wir nicht genug gelitten?“

Satan: Eine einfache Kreuzigung scheint nun nicht mehr so schlimm im Vergleich, habe ich Recht?

Mohammed: Wir haben so sehr gelitten und in den wenigen Momenten, in denen man uns unsere Ruhe gelassen hat, nachgedacht. Wir haben darüber sinniert, warum man uns an diesen Ort verdammt hat. Und wir sind zu einer Erkenntnis gekommen und wir möchten uns in Reue üben.

Jesus: Genau deswegen sind wir hier.

Satan: Es interessiert mich sehr, was ihr mir vorzutragen habt. Aber bevor ihr sprecht, wisset eines. Egal, was ihr mir sagt, ich werde eure Seelen nicht freigeben. Niemals. Unter keinen Umständen und keine Macht mag es da geben, die euch dazu verhilft, aus der Hölle zu entkommen.

Jesus: Aber warum? Wie kannst du das sagen, bevor du uns angehört hast?

Satan: Das kann ich, weil ihr zu denen gehört, die mit das schlimmste Verbrechen begangen haben. Niemals soll euch dafür Gnade gewährt werden. Aber dennoch würde mich interessieren, ob ihr überhaupt wisst, was euch vorgeworfen wird.

Jesus: Wenn dies ein Test ist, um unser Wissen um unsere Sünden zu prüfen, so möchte ich es natürlich wagen und dich von einer Aufrichtigkeit überzeugen.

Mohammed: Auch ich möchte es. Gewähre uns diese Chance.

Satan: Dann sprecht. Was war es, was es euch eingebracht hat, an diesem Ort zu leiden? Vielleicht könnt ihr mich ja doch überzeugen.

Jesus: Auch im Siechen inzwischen der Flammen der Hölle war es uns ja nicht verwehrt, einen Blick auf die Erde zu werfen und auch ich konnte entsprechend sehen, was dort vor sich ging. Oh ja, die Menschen waren fromm, doch dann verdorben von ihrer Frömmigkeit. Ich brachte ihr Liebe und diese Botschaft war so stark verhaftet, dass sie sie mit Gewalt verbreiteten. Sie schlagen sich die Schädel ein und ich teile eine Mitschuld. Wegen meinen Lügen, ich wäre der Sohn Gottes. Ich habe sie alle genarrt und einen Glauben genährt, der ein so hehres Ziel hatte, dass für die Menschen alle Mittel recht waren, dieses zu erreichen. Ich habe mir angemaßt, mich als Sohn Gottes auszugeben und für diese größte aller Unverschämtheiten muss ich nun büßen.

Satan: Bevor ich deiner Aussage erwidere, so möchte ich erst hören, was mir Mohammed zu sagen hat.

Mohammed: Ich habe Gewalt über die Welt gebracht. Ich wollte zunächst Frieden predigen und eine Religion erschaffen, die die Welt vereint. Doch ja, ich gebe zu, dass ich meine Lehren so hergerichtet habe, wie ich es gebraucht habe. Meine Dogmen waren mir stets dienlich und ich fingierte zu meinen Vorzügen und letztendlich habe ich Krieg und Verderben gebracht. Als Prophet habe ich mich ausgegeben, ein liederlicher Kriegsfürst war ich. Und ich möchte mich nicht damit herausreden, dass es aus den besten Absichten geschah. Selbstsüchtig und brutal war ich und noch heute mordet man in meinem Namen. Ich habe eine unheilvolle Saat über die Welt gebracht.

Satan: Klare Argumente habt ihr dargelegt, die von Reue zeugen könnten. Doch ihr beiden habt das Wesen eurer Verfehlung nicht erfasst. Das heißt, selbst wenn ich euch noch erlösen würde, wenn ihr erkennen würdet, dass ihr die größte Sünde begangen habt, so hätte ich nun keine Grundlage mehr. Eure Chance habt ihr vertan. Aber lasst euch gesagt sein: Es war kein Test. Ihr werdet die Ewigkeit in der Hölle verbringen.

Mohammed: Aber warum? Sag, Satan. Was haben wir getan? Was ist es, das mich verdammt hat?

Jesus: Auch ich wüsste nicht, was ich noch an Verfehlungen geleistet habe. Ich habe die Menschen doch nur zum Guten verleiten wollen.

Satan: Und genau das ist der Kern deiner Sünde.

Jesus: Wie kann das Gute denn Sünde sein?

Satan: Nicht das Gute an sich ist das Verderbliche. Denn was das Gute ist, das lässt sich nicht allgemeingültig bestimmen. Doch genau dies ist es, was Religionen machen. Dies allein könnte man noch akzeptieren. Doch die Schändlichkeit, die ihr beiden in der Welt verbreitet habt, ist noch viel unsäglicher. Es ist die Selbstgeißelung, die die schlimmste aller Sünden ist. Das Aufopfern des Individuums für das gute Kollektiv. Es ist die Verachtung gegen sich selbst, die schlimmste Grausamkeit verdient.

Mohammed: Aber, was ist das Gute? Wie sollen wir dagegen verstoßen haben?

Satan: Was das Gute ist? Das ist euer eigenverantwortliches Leben. Das Gute, in welch schrecklicher Form es sich auch zeigen mag, ist die Fähigkeit des Menschen, nach eigenem Ermessen zu leben. Er unterliegt nur noch wenigen Instinkten und richtet sich nach der Vernunft. Natürlich, er hat Gefühle. Und doch kann er diese rational hinterfragen und Selbstreflexion üben und dadurch Handlungen gemäß seines Verstandes ergreifen. Doch gibt es Menschen, die immer ein Herdentier bleiben, sich auf ihr primitivstes Wesen besinnen. Es sind die Menschen, die nur in der Gruppe leben. Nicht für sich selbst, sondern nur in der Masse. Es sind die Menschen, die zu feige sind, für sich selbst einzustehen und die sich aufgeben. Und da kommt ihr beiden ins Spiel. Du Jesus, hast reine Nächstenliebe und das Konzept der Selbstgeißelung gepredigt. Du hast die Menschen dazu angehalten, die andere Wange hinzuhalten und sich von anderen Martern lassen. Du hast die Selbstaufgabe zum Dogma erklärt und so viele Menschen in ihrem Geiste verdorben. Du Mohammed. Deine Grausamkeit und deine Kriegstreiberei wären zu verzeihen gewesen, sie wären ja nicht mal für die Hölle würdig gewesen, hättest du nicht behauptet, dies alles geschähe für einen Gott, um die Menschen unter einem Banner zu versammeln und nur für den Willen eines anderen Wesens zu leben. Du hast die Menschen dazu angetrieben, für Allah zu sterben. Deine Gier nach Gewalt war zwar ehrlicher als der Unfug, den Jesus unter die Menschen gebracht hat, aber im Kern hast du dennoch die Menschen in einer stumpfen Masse vereinigt. Der, der jemandem das Leben nimmt, um sich selbst zu helfen, verdient noch eher die Gnade als jemand, der zugunsten anderer sich selbst noch die schlimmste Marter zuführt und der von anderen verlangt, sich als Individuum aufzugeben. Jeder, wirklich jeder, der etwas getan hat, das schrecklich ist, das aber aus freiem Willen geschah, verdient die Gnade. Die, die sich aber ihr Leben lang von einer Idee, die dem Geist anderer entstammt, unterdrücken lassen, die haben sich ihre Hölle auf Erden geschaffen und es ist nur gerecht, dass sie diese Hölle weiter erleben auch nach dem Tod.

Jesus: Aber was nimmt uns nun die Chance auf Erlösung? Warum dürfen wir nicht dein Reich verlassen? Es gibt ja dennoch Seelen, die sich ihre Chance erhalten.

Mohammed: Ja. Uns gehen zu lassen, wolltest du uns ja nicht gewähren. Aus welchem Grund?

Satan: Weil ihr keine Erlösung verdient. Es ist eine Sache, sich sein Leben lang geistig missbrauchen zu lassen und nach dem Tod und Zeiten des Schmerzes zu erkennen, welch armselig die eigene Existenz war und eine völlig andere, Menschen aktiv in diesen Zustand der Selbstentsagung zu treiben – so wie ihr selbsternannten Propheten es gemacht habt. Keine Verunglimpfung Gottes, keine Gewalt und keine Abartigkeit ist mit dem Frevel zu vergleichen, die Menschen dazu zu nötigen, nach der eigenen Norm zu leben. Das galt für alle Zeiten und gilt noch. Egal, ob es die alten Religionen sind oder die modernen.

Jesus: Was sind die modernen Religionen?

Satan: Sie zeigen sich in allen möglichen Formen. Blicke auf die Welt und sehe, wie die Menschen sich weiterhin in Scharen zusammenrotten. Anti-Rassismus und Identitätspolitik, Solidarität in Pandemiezeiten, moderne Deontologen, die jede utilitaristische Abwägung sabotieren. Nationalisten, Kommunisten, was weiß ich. Die Menschheit erfindet immer wieder eine neue fixe Idee aus Angst vor ihrer eigenen Vernunft, damit sie sich in der Gemeinschaft dem Leben stellen können und so die Eigenverantwortung auf das Kollektiv abwälzen können. Kann man machen, aber dann sind die Konsequenzen nach dem Ableben umso furchtbarer.

Jesus: Es müssen doch dann unzählige Menschen sein, die in der Hölle verweilen.

Satan: Ja, unzählige. Die meisten. Doch einige erlangen die Erkenntnis, werden entlassen und können weiterziehen. Nur die allerwenigstens kommen jedoch direkt durch das Licht. Der überwiegende Teil gehört zu den Anhängern der Erde.

Mohammed: Und was erwartet uns hinter dem Licht? Gibt es einen Gott? Wer verbirgt sich dahinter?

Satan: Das werdet ihr nie erfahren. Dieses Wissen verdient ihr nicht. Aber lasst mich eines noch sagen. Heute habe ich eine Seele begnadigt und durch das Licht geschickt. Sie hat so viel zu erwarten. Einen Zustand unsterblicher Ekstase, wie sie eure Bücher versprachen, aber ihre Großartigkeit nicht einmal ansatzweise erfassen konnten. Diese Seele wird sie erfahren. Und wollt ihr wissen, wie sie ihre Begnadigung erreicht hat? Dieses Wissen würde ich sogar mit euch teilen.

Jesus: So spricht. Was musste er tun, um dich zu besänftigen?

Satan: Er kam herein und sprach in einer ziemlich unmanierlichen Sprache. Um genau zu sein, sagte er. Er scheißt auf Gott und auf mich. Er scheißt auf alles, was ihm sonst noch widerfährt, auf jede göttliche Fügung. Aber er möchte hier raus. Kein Gott hat einen Anspruch, dass man in seinem Namen leidet. Gott sollte keine Macht über ihn haben. Das waren seine Worte. Und dafür habe ich ihn gehen lassen. Und dafür kommt er auch durch das Licht. Aber genug der Worte. Ich bin eurer überdrüssig. Akzeptiert euer Los und lasst euch nie wieder hier blicken, denn die Qualen, die ich euch beiden zufüge, wenn ihr mich noch einmal belästigt, werden noch in der Hölle zur Legende werden, Ihr Verderber der Menschheit.

Enttäuscht und vom Hammerschlag Satans Worte zerstört zogen Mohammed und Jesus von dannen. Wie der Höllenfürst ihnen befahl ließen sie sich nicht mehr blicken, doch machten Mauscheleien die Runde, dass sie fortan bei jeder Tortur mit Urgewalt hinausschrien, dass sie ihren Glauben entsagen würden und nie wieder andere verführen würden. Satan indessen hatte die beiden getäuscht. Sehr wohl hätte er auch ihre Seelen entlassen, wenn sie denn aufrichtig von ihrer das Selbst verachtenden Idee abgerückt wären. Doch so sehr sie dies bekundeten, immerzu war ihre Unaufrichtigkeit zu erkennen. Und so brüllten sie noch mit all den anderen Verdammten, die unter dem Bann eines fremden Einflusses standen, ihre Agonie heraus, bis die Zeit zu Ende ging.

Bild von Jan Steiner auf Pixabay

Ein Kommentar zu „Gnadengesuch in der Hölle – Satan im Dialog mit Jesus und Mohammed

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  1. Das linke Christentum und der rechte Islam, folgt daraus die Mitte, das Judentum? Alle drei Modelle der Erlösung sind, und das ist auch meine Meinung, ursächlich für die Gewalt verantwortlich. Es sind die besten Geschäftsmodelle, die man sich ausgedacht hat. Ewige Einnahmequellen mit Aussicht auf maximale Gewinnsteigerung.

    Prediger und Wahrsager, waren zu Zeiten Jesu und 600 Jahre später zu Zeiten Mohammeds, Berufe wie andere auch. Bauern oder Bäcker hatten das gleiche Ansehen. Jeder musste von etwas leben und die beiden Hauptdarsteller verdienten so ihren Lebensunterhalt. Doch irgendwann sind sich die beiden begegnet und sie begriffen, jetzt geht es um alles oder nichts. Sie wurden zu erbitterten Feinden. Beide verkündeten den Absolutheitsanspruch und im Besitz der alleinigen Wahrheit (https://bit.ly/3npKwpw) zu sein.

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